Transformationen ins Offene
Grundsätzlich hat Caren Jeß nichts gegen Richard Wagner und seinen «Ring des Nibelungen», im Gegenteil: «Sex, Blut und Gewalt, Boys, da bin ich dabei!» Außerdem darf frau heute nicht mehr so zimperlich sein und das Nationalmythen-Ausdeuten männlichen Bayreuther Regietitanen oder Gegenwartsdramatiker-Kollegen wie Necati Öziri, Thomas Köck oder Ferdinand Schmalz überlassen.
Schließlich birgt die germanengründelnde Tetralogie jede Menge Stoff zu fast allem: mythische Welterklärung, Naturmystik, Kapitalimusgeschichte, Industriepolitik, Machtkritik, Führungsmanagement, Organisationsmachiavellismus, intrigante Betriebskommunikation, Familienpsychologie, Geopolitik, Disability, nicht zu vergessen Rassismus und Diskriminierung. Ein Interpretations-Wunderhorn! Dazu Stabreime bis zum Abwinken und avantgardistisches Wortgeklingel, das den Dadaismus ein halbes Jahrhundert vor seiner Erfindung alt aussehen lässt. Hojotoho.
Caren Jeß bleibt dennoch bescheiden und beschränkt sich auf Teil zwei von vier, «Die Wal -küren», hier im Plural. Die hochgradig verflochtenen Hauptplotlinien um Inzest, Blutsbande und Gewalt als Lösung für fast alles bleiben weitgehend intakt, die Unterschiede liegen im ...
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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Aufführungen, Seite 14
von Franz Wille
Kammerton a. Der Abend beginnt wie im Konzertsaal. Die Spieler:innen haben sich locker auf der Bühne eingefunden, bei vollem Saallicht, unterhalten sich entspannt, der Keyboarder gibt den Ton vor, das Streichtrio stimmt die Instrumente. Als «Sprachkonzert» wird Sarah Kanes «Gier» gern, etwas verlegen, bezeichnet. Ein Bühnengedicht, das sie auf vier Stimmen C, M, B,...
Nichts. Nichts geschieht im Klassenzimmer der Sitzengebliebenen. Leichtes Gegrummel, etwas Gestöhne, minimale Bewegungen. Tröpfchenweise werden die Bedeutungspartikel an das Publikum verabreicht. Aber dann kommt doch einiges zusammen. Das Nichtstun führt zu Kapriolen. Plötzlich tönt aus allen Kehlen der Weltverzichtschoral «Weg mit allen Schätzen» (neu gesetzt von...
Manchmal schlägt die Aktualität mit Verzögerung zu. Eine Woche nachdem Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura ihr Dokumentarstück «Letzte Station Torgau. Eine kalte Umarmung» im Schauspiel Leipzig zum DDR-Jugendwerkhof Torgau präsentierten, veröffentlichte die Universität Leipzig die groß angelegte «Testimony»-Studie zu den Jugendwerkhöfen und Kinderheimen der DDR....
