Späte Befreiung

nach Schiller «Die Jungfrau von Orleans» im Nationaltheater Mannheim

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Wer denkt sich so etwas aus? Eine Frau, genauer eine Jungfrau, die sich freiwillig einer göttlichen Eingebung unterwirft, allen irdischen Vergnügungen – Liebe! – abschwört und damit in einem patriotischen Feldzugstaumel ihr Land rettet. Am Ende stirbt sie nach einem dann doch gefühlsbedingten Zwischentief mit Gewissensprüfung auch noch den Heldentod.

Schillers bigotte Männerfantasie – historisch erklär-, wenn auch nur bedingt entschuldbar – war nicht von ungefähr sein größter Theatererfolg zu Lebzeiten und dürfte sich in spätmodernen Zeiten auch ganz unabhängig von sogenannten Kanondebatten weit jenseits der Grenze zur Unspielbarkeit bewegen. 

Vermutlich hat die polnische Regisseurin Ewelina Marciniak genau dieser Umstand interessiert, denn Schillers Herrschaftsperspektive lässt sich selbstverständlich auch gegen sich selbst wenden. In der stark eingreifenden Bearbeitung von Dramaturgin Joanna Bednarczyk geht es zunächst in schnellen Schnitten durch die ersten Akte. Auf modernistisch halbabstrakter Bühne (Mirek Kaczmarek) – links überlanges Ecksofa, rechts knöcheltiefes Spaßplanschbecken – arbeitet sich Annemarie Brüntjens Johanna mit dem nötigen Eigensinn durch die ersten ...

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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 52
von Franz Wille

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