Ansteigende Fluten

Noah Haidle «Alles muss glänzen» im Deutschen Theater Göttingen

Es ist ein letzter Tanz, nur ein kleines Wiegen in den Hüften: Summend und mit geschlossenen Augen erinnert sich Rebecca an ihre Jugend, an ihren Abschlussball und ihren ersten Kuss. «Only you» schallt es dazu von The Platters durch den Raum. Einen kurzen Augenblick lang denkt man, Rebecca habe ihren Frieden gemacht. Sie, die doch den ganzen Abend – und dieser steht stellvertretend für ihr gesamtes verschenktes Leben – immer und überall das Gute gewollt, gegeben und gesehen hat.

Sie, die für ihre Familie ein heimeliges Zuhause geschaffen hat, für eine Familie, die längst nicht mehr da ist. Doch dann fischt Rebecca zwischen zerbrochenem Porzellan und Wasserlachen den Cowboyhut ihres Mannes heraus. Sie setzt ihn auf, macht sich ganz gerade und geht zur Tür hinaus. Entschlossen und mit einem leisen Lächeln. Dann fällt ein Schuss. Rebecca hat sich umgebracht und damit aus ihrer Einsamkeit erlöst. 

«Meine Liebe ist hier. In den Muffins, im Orangensaft, in den Sandwiches ohne Rinde. In den Zöpfen, den Augentests, den Impfungen», sagt Rebecca einmal in «Alles muss glänzen». Stolz und verzweifelt brechen diese Sätze aus Andrea Strube heraus. Voller Wut und doch ohne Gram. Überzeugend ...

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Theater heute Oktober 2021
Rubrik: Chronik, Seite 50
von Katrin Ullmann​​​​​​​

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