Revolutionskuscheln
Erst vor Kurzem beschäftigte das Stuttgarter Staatsschauspiel sich en passant mit Albert Camus’ «Die Gerechten» (1949). Im nahe gelegenen Tübingen folgte jetzt mit Jean-Paul Sartres «Die schmutzigen Hände» (1948) das nächste Stück rund um die Frage, ob der politische Mord zur Durchsetzung hehrer Ideale gerechtfertigt sei. In beiden Fällen greift ein mit linken Heilserwartungen gefütterter Idealist zur Waffe. Sartre wartet mit der Wendung auf, dass ein Novize der kommunistischen Partei einen Funktionär aus den eigenen Reihen beseitigen soll. Der junge Mann heißt Hugo.
Töten soll er einen gewissen Hoederer, der entgegen der Parteilinie mit konservativ-reaktionären Kräften kollaborieren will.
Als Sartre das schrieb, war das linksintellektuelle Lager Europas gespalten. Die Frage lautete: Pro oder contra Stalin? Der Diktator starb 1953, Jean-Paul Sartre trat postwendend in die kommunistische Partei Frankreichs ein, nach vier Jahren aber schon wieder aus. Damals durchlebte man ideologische Glaubensfragen noch ganz existentiell. Warum die Theater derzeit und gerade im Kernland des pietistischen Gehorsams so gerne auf Diskursstücke aus der scheinbar so fernen Zeit des französischen ...
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Theater heute August/September 2012
Rubrik: Chronik, Seite 59
von Jürgen Berger
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