Immer Ärger mit der Wirklichkeit

Sieben starke Stücke im Wettbewerb der diesjährigen Mülheimer Theatertage: Uraufführungen von Clemens J. Setz, Martin Heckmanns, Caren Jeß, Elfriede Jelinek, Golda Barton, Sivan Ben Yishai und Katja Brunner

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Clemens J. Setz’ «Der Triumph der Waldrebe in Europa»
Was heißt hier Wirklichkeit?, fragt sich Renate, Mutter von David, der mit damals acht Jahren vor einiger Zeit bei einem Autounfall umgekommen ist. Und ihre Antwort lautet: «Mein Sohn gehört nicht der Erde, er gehört uns», also ihr und ihrem Mann Konrad. Fortan wird kein Toter betrauert, sondern ein Rollstuhl mit aufmontiertem Tablet herumgeschoben und als «David» adressiert, was noch lange nicht die absurdeste Situation in Clemens J. Setz’ «Der Triumph der Waldrebe in Europa» ist.

Denn wer immer auf diese eigenwillige Wirklichkeitsannahme nicht einsteigen will, bekommt es mit einer Mutter zu tun, von der in Sachen Realitätsverweigerung bzw. Realitätsbehauptung russische Trollfarmen, Donald-Trump-Wahllügen-Anhänger und andere Fake-News-Fans noch einiges lernen können. 

Wer immer Renate in die Wirklichkeitsquere kommt – ob Schuldirektor, Fernsehjournalistin, Ehemann, Social-Media-Follower oder andere einfältige Geister –, wird mit unsanftem moralischen Druck, schiefen Vergleichen, emotionalen Erpressungen und anderen Manipula -tionsstrategien eines Besseren belehrt. David darf nicht sterben, und sein ewiges Leben ist ein ...

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Theater heute Mai 2023
Rubrik: Best of, Seite 32
von Franz Wille

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