Hamlet 2016
Verrucht und machthungrig wie Hamlets Rabeneltern sind Bettine und Gerd nicht. Im Gegenteil, die beiden meinen es zu gut mit ihrem Sohn. Interessanterweise hat das aber denselben Effekt wie anno 1602 bei Shakespeare. Der 19-jährige Marc ist auch so ein unselbständig entscheidungsarmer Prinz, letztlich nur mit sich selbst und dem Hass auf seine Eltern beschäftigt: Sie eine heuchlerisch-hysterische Hubschraubermama, er ein BWL-Papa, immer damit beschäftigt, anstehende Probleme effektiv in betriebswirtschaftlichen Teillösungsschritten weg zu rationalisieren.
Jetzt will er den Filius aus dem Brutkasten vertreiben, obwohl Marc, so wie der Papa das sieht, auf freier Wildbahn nicht überleben wird. Survival of the fittest muss sein, auch wenn das XY-Kücken im Schredder landen sollte.
In so einer Situation kommt eine wie Selma gerade recht. Sie ist ebenfalls neunzehn, aber aus ganz anderem Holz geschnitzt: Abi in der Abendschule, zwei Teilzeitjobs und eine versorgungsbedürftige Depri-Mama im Schlepptau. Die Tochter aus dem prekären und der Sohn aus dem einkommensverwöhnten Haushalt wollen einen gemeinsamen Hausstand gründen. Marcs Papa findet das ganz toll, der Mama beschert es ...
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Theater heute Juli 2016
Rubrik: Chronik, Seite 53
von Jürgen Berger
Wenn große Männer fallen, dampft das Theater. Dramatische Staatsaktionen, menschliche Abgründe, alpine Steig- und Fallhöhen, große Worte, letzte Blicke – tragische Schicksalsstürze sind die Hochgebirgspanoramen der dramatischen Zunft. Zwar schreiben die zeitgenössischen Autoren beharrlich keine neuen Königsdramen – wäre auch schwierig im postdemokratischen...
Mitte letzten Jahres saß der Intendant des Staatsschauspiels Dresden, Wilfried Schulz, auf einem Berliner Podium zum Thema «Theater und Netz» – und sprach über Pegida. Sechs Monate später, Lutz Bachmann und Konsorten hatten ausgerechnet den geschichtsträchtigen 9. November für einen ihrer «Spaziergänge» inklusive Kundgebung am Dresdner Theaterplatz auserkoren,...
Vor eineinhalb Jahren deutete Daniel Lommatzsch in dieser Zeitschrift an, dass ihn das Theater künstlerisch gar nicht mehr so wahnsinnig interessieren würde, sein Thema sei aktuell primär das Kino (TH 01/15). Wobei dieses Interesse damals schon befriedigt wurde, der gefeierte Thalia-Schauspieler steckte zum Zeitpunkt des Gesprächs tief in der Arbeit an seinem Debüt...
