Scheitern am American Dream

Arthur Miller «Tod eines Handlungsreisenden» in Stuttgart

Theater heute - Logo

Die Hauptrolle hat der Vorhang. Genau genommen ist er eigentlich kein Vorhang, sondern eher ein riesiges wallendes Organ, das sich in kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit von hinten nach vorne und zurück bewegt, Menschen ausspuckt und sie wieder verschwinden lässt. Zum Beispiel diesen traurigen alten Mann. «Ich bin eine äußerst groteske Gestalt», sagt der irgendwann zwischendrin mal, und: «Ich ziehe mich nicht vorteilhaft an, vielleicht.

» Dabei trägt Willy Loman in seinen besseren Momenten einen gut sitzenden beigefarbenen Anzug, perfekt geschnei­dert auf die massige Figur des Schauspielers Peter Kurth. In seinen schlechten Momenten allerdings steht dieser Loman oben ohne und in einem merkwürdigen schwarzen Chiffonrock verloren im Raum. Auf die nackte Brust fällt ein kleiner Schatten, als hätte der Mann da ein Loch. Vielleicht ist es die Stelle, wo einst Stolz und Hoffnung saßen. Die sind ihm bekanntermaßen abhanden gekommen in Arthur Millers Klassiker «Tod eines Handlungsreisenden». 

Willy Loman ist ein Relikt, sein Beruf: Handlungsreisender. Heute würde man das wohl Vertreter nennen. Allerdings ist Loman, so lernt man im Laufe des Stücks, nie wirklich ein guter Verkäufer gewesen, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Juli 2016
Rubrik: Chronik, Seite 56
von Kristin Becker

Weitere Beiträge
Stirb und werde

Einmal, da war der Abend noch nicht weit ins Feld geschritten, aber das Wummern war schon da, das Grollen der Großstadt, da trat Andreas Döhler als Franz Biberkopf zur Rampe und stanzte sich seinen Moment aus dieser metallenen Wirklichkeit, sein Bruchstück von «Berlin Alexanderplatz»: Wuchtig, urkräftig, wie hingerammt steht er da. Doch sein Blick verflüssigt sich,...

Vorschau · Impressum

Pläne der Redaktion

Die Festivalsaison ist in vollem Gang zwischen Wien, Brüssel, Posen und Hannover!

Herbert Fritsch feiert schon mal vorsorglich eine furiose «Apokalyse» in Recklinghausen

 

Tena Stivicic lebt in London und weiß Europa zu schätzen. Gerade weilsie die kroatische und jugoslawische Geschichte so gut kennt: «Drei Winter», eine Familiengeschichte von...

Im Kino: Der lange Moment

Ein «Pfingstwunder», jubelte das deutsche Feuilleton, als Maren Ades Film «Toni Erdmann», der erste deutsche Wettbewerbsfilm in Cannes seit acht (!) Jahren, die internationale Kritikerschar zu Standing Ovations hinriss. Keiner hatte damit gerechnet, dass eine fast dreistündige (!) deutsche (!) Komödie (!) 14 Tage lang als Favorit auf die Goldene Palme im Gespräch...