Erzählen und zuhören
«Das Grundgesetz ist verbindlicher und präziser als jeder denkbare Begriff einer Leitkultur. Zugleich deutet sich darin keine Hierarchie der Menschen an, sondern allenfalls der Werte und Handlungen. Vor dem Grundgesetz sind alle gleich, in einer Leitkultur nicht.»
Dies ist ein Kommentar Navid Kermanis zur Debatte über «Leitkultur» aus dem Jahr 2017. Die Sensibilität und die Hellhörigkeit gegenüber jeder Form der Bevormundung, die darin zum Ausdruck kommt, haben mich bestärkt, den Begriff der Leitkultur zu meiden und mich dem Grundgesetz zuzuwenden.
Aber zunächst muss ich feststellen, dass der Begriff der Kultur für mich in die Dimension der Zeit gehört, also immer ein Vorgang ist. Kultur ist kein Katalog von Verordnungen, sondern ein Lebensgefühl. Sie drückt sich in Handlungen aus, auch in Haltungen, im Ablauf des Alltagslebens, im Gestalten, im Erzählen, im Verstehen und Interpretieren, im Dialog. Knappe Hinweise auf einen Wertekanon gehören für mich in den Bereich der Regeln und gesellschaftlichen Absprachen.
So denke ich, dass sich Kultur in der Art und Weise ausdrückt, wie wir den Menschen begegnen, die als Flüchtlinge in unser Land kommen. Die Zuwendung, mit der wir ihre Not ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (1), Seite 8
von Edgar Selge
«Tartuffe», das fünfzehnte von dreiunddreißig überlieferten Dramen Molières, war jene Komödie, die unmittelbar nach ihrer Uraufführung 1664 mit dem Bann des Aufführungsverbots belegt wurde, die klerikale Kräfte veranlasste, den Dichter auf den Scheiterhaufen zu wünschen, und einen fünfjährigen erbitterten Kampf Molières um die Aufhebung des Verdikts durch den...
Der niederländische Theatermacher Eric de Vroedt ist auch in Deutschland längst kein Unbekannter mehr; in den letzten Spielzeiten hat er wiederholt am Schauspielhaus Bochum und am Theater Dortmund inszeniert. In seinem Heimatland, wo der 46-Jährige die Intendanz des Nationaltheaters in Den Haag als Nachfolger Theu Boermans übernommen hat, ist er nicht nur als...
Anta Helena Reckes «Mittelreich» – die Wiederholung der Inszenierung einer weißen Regisseurin mit einer weißen Besetzung durch eine schwarze Regisseurin mit einer schwarzen Besetzung – berührt mich und meine Theorie als Theaterwissenschaftlerin, meine Praxis als Dramaturgin und meinen Alltag als schwarze deutsche Frau im deutschen Theaterbetrieb auf vielen Ebenen:...
