Erzählen und zuhören
«Das Grundgesetz ist verbindlicher und präziser als jeder denkbare Begriff einer Leitkultur. Zugleich deutet sich darin keine Hierarchie der Menschen an, sondern allenfalls der Werte und Handlungen. Vor dem Grundgesetz sind alle gleich, in einer Leitkultur nicht.»
Dies ist ein Kommentar Navid Kermanis zur Debatte über «Leitkultur» aus dem Jahr 2017. Die Sensibilität und die Hellhörigkeit gegenüber jeder Form der Bevormundung, die darin zum Ausdruck kommt, haben mich bestärkt, den Begriff der Leitkultur zu meiden und mich dem Grundgesetz zuzuwenden.
Aber zunächst muss ich feststellen, dass der Begriff der Kultur für mich in die Dimension der Zeit gehört, also immer ein Vorgang ist. Kultur ist kein Katalog von Verordnungen, sondern ein Lebensgefühl. Sie drückt sich in Handlungen aus, auch in Haltungen, im Ablauf des Alltagslebens, im Gestalten, im Erzählen, im Verstehen und Interpretieren, im Dialog. Knappe Hinweise auf einen Wertekanon gehören für mich in den Bereich der Regeln und gesellschaftlichen Absprachen.
So denke ich, dass sich Kultur in der Art und Weise ausdrückt, wie wir den Menschen begegnen, die als Flüchtlinge in unser Land kommen. Die Zuwendung, mit der wir ihre Not ...
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Theater heute Jahrbuch 2018
Rubrik: Die Heimatfrage (1), Seite 8
von Edgar Selge
Ihrer Zeit voraus waren die Radikal-Theater-Avantgardisten Vegard Vinge und Ida Müller ja schon immer. Aber dass sie selbst konkrete erdrutschartige (National-)Katastrophen antizipieren, darf durchaus als kleines Novum gelten: Wer Ende Mai beim internationalen Musik- und Theaterfestival im norwegischen Bergen die jüngste Vinge-Müller-Produktion «Panini-BoysRoom»...
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Victory Condition» beginnt mit einem freundlichen «Hallo». Ein Mann spricht mich an, erzählt, was er weiß über mich, über mein Leben mit geliebten Menschen, über Glücksmomente und plötzlich einbrechenden Schrecken, über meine Ängste und mein Vertrauen. Der Mann kennt mich, denn er ist wie ich.
Nein, er spricht nicht mit mir. Der Mann ist ein Sniper und liegt...
