Widerspruch und Öffentlichkeit
Der Backlash inszeniert sich als die Rückkehr zur Ordnung, zu einer angeblich verdrängten «Normalität». Und er inszeniert sich als Versprechen: Nun sollen nicht mehr diejenigen ihre Position rechtfertigen, die an der «alten Ordnung» festhalten wollen. Stattdessen soll sich die Gegenposition erklären, warum Gleichheit, Diversität oder soziale Gerechtigkeit überhaupt noch verfolgenswerte Ziele sind. Der Begründungszwang hat die Seite gewechselt.
Jede reale Verschiebung von Sichtbarkeit, Sprache und Ansprüchen erzeugt Gegenkräfte.
Dass feministische, queere oder postkoloniale Perspektiven vehement attackiert werden, ist auch ein Indiz dafür, dass sie wirksam geworden sind. Der Backlash ist insofern nicht nur Reaktion auf, sondern unfreiwilliger Beweis gesellschaftlicher Veränderung. Auch im Versuch des Zurück wirken die Verschiebungen fort, die zu negieren versucht werden. Geschichte bewegt sich selten rückwärts, sondern meist in Überlagerungen – selbst der Rückschritt trägt die Spuren dessen, was er zurückweisen will.
Viele der Debatten, die heute politisch eskalieren, hat das Theater bereits intensiv und inhaltlich geführt. Die Auseinandersetzungen um Repräsentation, Autorität, ...
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Theater heute Jahrbuch 2026
Rubrik: Was tun?, Seite 48
von Enrico Lübbe
«Alles ist möglich.» Wahlkampfparole der AfD Sachsen-Anhalt
«Die Kunst hat nur wenig direkte Auswirkungen auf andere Funktionssysteme, deshalb gibt es nur wenig gesellschaftliche Reaktionen auf die Ausdifferenzierung und Autonomie des Kunstsystems. Fälle, die auffallen, scheinen typisch solche zu sein, in denen andere Funktionssysteme ihre eigene funktionale...
In einer der komischsten Szenen in Jan-Christoph Gockels siebenstündiger «Wallenstein»-Inszenierung versuchen der Offizier Max Piccolomini und General Isolani von ihrem Kameraden, dem General Illo, abzulenken. Der hat nämlich gerade beim virilen Striptanz um Wallenstein seinen Penis verloren; Katharina Bach wälzt sich nun in einer Mischung aus Scham und Schmerz am...
Ein Kraftwerk der Erinnerung: Geschlagene fünf pausenlose Stunden – es können je nach Vorstellung auch sechs oder sieben werden – sitzt Guido Lambrecht hochkonzentriert auf einem Bänkchen im Bühnenbild und spricht in sachlich referierendem Ton. Meist folgt seine Rede Michel Houellebecqs Roman «Serotonin», an einigen Stellen durchschossen mit eigenen biografischen...
