Vom Sehnsuchtsraum hinterm Nadelöhr

Ob sonderbare junge Männer, große Tragödinnen oder aggressive Kinder: Sylvana Krappatsch kann sie glaubhaft und sehr eigen spielen. Nach Stationen in Zürich und München ist sie jetzt Protagonistin am Schauspiel Stuttgart

Breitbeinig steht er da, der schmalbrüstige Jüngling Woyzeck, dünn und blass und rätselhaft. Winzige Gebärden, etwa ein leicht zur Seite geneigter Kopf, zeugen von seinem Weltverlust. Steifhalsig lehnt er sich schräg nach hinten, wenn jemand zu ihm spricht. Sylvana Krappatsch kann beides glaubwürdig spielen: gestandene Frauen und junge Männer, ja sogar Kinder. In «Schäfchen im Trockenen» schlüpft sie aus der genervten Mutterrolle mal schnell hinein in das eigene wollbemützte Aggro-Kind, das seine ebenso bewollmützten Geschwister mit dem Plastikdegen verdrischt.

Als Grillparzer-Medea qualmt sie eine Zigarette, während sie das Wesentliche still vor sich hin denkt. Man sieht, wie Mörderisches ihre Gedanken verdüstert. Da braucht es ihn gar nicht: den großen Monolog, der ihr zum größten Teil weggekürzt wurde. Es ist ihr feinzeichnendes, manchmal bis ins Tänzerische gehende körperliches Spiel, das Aufmerksamkeit einfordert, eine Sogwirkung erzeugt, für Wahrhaftigkeit sorgt. Wenn sie als Medea in Verzweiflung erstarrt, ja, körperlich gefriert angesichts von Jasons Untreue, Abweisung und Verrat, spielt sie das mit größter Intensität: diese völlige Überraschung über sein Verhalten, diese ...

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Theater heute Februar 2021
Rubrik: Akteure, Seite 12
von Verena Großkreutz

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