Vom Sehnsuchtsraum hinterm Nadelöhr
Breitbeinig steht er da, der schmalbrüstige Jüngling Woyzeck, dünn und blass und rätselhaft. Winzige Gebärden, etwa ein leicht zur Seite geneigter Kopf, zeugen von seinem Weltverlust. Steifhalsig lehnt er sich schräg nach hinten, wenn jemand zu ihm spricht. Sylvana Krappatsch kann beides glaubwürdig spielen: gestandene Frauen und junge Männer, ja sogar Kinder. In «Schäfchen im Trockenen» schlüpft sie aus der genervten Mutterrolle mal schnell hinein in das eigene wollbemützte Aggro-Kind, das seine ebenso bewollmützten Geschwister mit dem Plastikdegen verdrischt.
Als Grillparzer-Medea qualmt sie eine Zigarette, während sie das Wesentliche still vor sich hin denkt. Man sieht, wie Mörderisches ihre Gedanken verdüstert. Da braucht es ihn gar nicht: den großen Monolog, der ihr zum größten Teil weggekürzt wurde. Es ist ihr feinzeichnendes, manchmal bis ins Tänzerische gehende körperliches Spiel, das Aufmerksamkeit einfordert, eine Sogwirkung erzeugt, für Wahrhaftigkeit sorgt. Wenn sie als Medea in Verzweiflung erstarrt, ja, körperlich gefriert angesichts von Jasons Untreue, Abweisung und Verrat, spielt sie das mit größter Intensität: diese völlige Überraschung über sein Verhalten, diese ...
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Theater heute Februar 2021
Rubrik: Akteure, Seite 12
von Verena Großkreutz
Seit einigen Jahren schon besucht das Wort die Höfe entlang der Allee von Boutsemtenga und spricht auf erleuchteten Stelen vom Leben. Um zu erscheinen, setzt sich das Wort in Szene. Dieses Jahr hat es beschlossen, sich aufzulehnen. Aus dem sumpfigen Verzicht und der Müdigkeit erhebt es sich gegen die Versklavung der Körper und Gedanken.» Felwine Sarr, der diese...
Der Tabubruch ist ja noch immer präsent. Auch weil er damals in aller medialen Breite stattgefunden hat – über die eigene Krankheit zum Tode, letztlich über die eigenen Vorbereitungen auf das Sterben sprach und schrieb Christoph Schlingensief, wie das noch niemand zuvor getan hatte. Und er forcierte Lebenslust und Todesbeschwörung sicher auch mit Blick auf die...
Klaus Dermutz Frau Lampe, Sie wurden in Flensburg geboren. Was machten Ihre Eltern?
Jutta Lampe Meine Mutter war auch in Flensburg geboren worden. Mein Vater war bei der Marine. Wir zogen 1939/40 nach Kiel, weil er dorthin musste. Mein Vater ging in den Krieg. Er war wenig, wenig zu Hause. Ich war das erste Kind, nach eineinviertel Jahren kam schon mein Bruder. Und...
