Elefant sein

In Zürich inszeniert und streamt Christopher Rüping Jean-Luc Lagarces Aids-Drama «Einfach das Ende der Welt»

Theater heute - Logo

Vielleicht brauchte es den Abstand von dreißig Jahren, um dieses Stück in seinen weit ausgreifenden gesellschaftskritischen Dimensionen auszumessen. Den Blick eines klugen Regisseurs und hellwacher Spieler*innen, die sich dem Stoff mit ihrer eine Generation jüngeren Weltsicht nähern. «Einfach das Ende der Welt» ist die Geschichte vom verlorenen Sohn Louis, in Zürich Benjamin (Lillie), der als Zwanzigjähriger in die Großstadt abgehauen ist, «um überleben zu können», genauer: um sein Leben als Schwuler und als Künstler zu leben.

Zwölf Jahre danach kommt er aidskrank zurück und will alle nochmal sehen und mit der Familie endlich einmal reden.

Es geht schief, was schiefgehen kann, respektive wie es seine neurotische Richtigkeit hat. Die alten Ressentiments brechen auf, die Vorwürfe von früher sind noch ganz frisch, Louis spricht nicht über seinen bevorstehenden Tod und reist unverrichteter Dinge und unversöhnt ab. «Wie wollen Sie sterben?», fragt Benjamin Lillie jetzt ins Publikum – immerhin 50 Zuschauer*innen, die sich Anfang Dezember in Zürich noch live im Theater versammeln dürfen und in der weitläufigen Schiffbauhalle so viel Kopräsenz markieren wie möglich. Wer will einsam ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Februar 2021
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Andreas Klaeui

Weitere Beiträge
«Paria, lumpen, mercenaria»

Ich habe es nie verstanden, als sie einmal zu mir sagte, sie wolle nie wieder das Land betreten, in dem sie geboren wurde. Es wollte mir einfach nicht in den Kopf. Ich wusste nicht, ob es schlicht eine Flucht war, ob es ums Überleben ging, oder ob es nur der Versuch war, einen Schlussstrich zu ziehen. Oder machte es am Ende doch Sinn, nie wieder nach Hause...

Mein Nachruf zu Lebzeiten

Der Tabubruch ist ja noch immer präsent. Auch weil er damals in aller medialen Breite stattgefunden hat – über die eigene Krankheit zum Tode, letztlich über die eigenen Vorbereitungen auf das Sterben sprach und schrieb Christoph Schlingensief, wie das noch niemand zuvor getan hatte. Und er forcierte Lebenslust und Todesbeschwörung sicher auch mit Blick auf die...

Von Machtmenschen und Landarbeitern

Im Winterlockdown produzieren die Theater Konserven. Nicht wie im Frühlingslockdown, als die Theater nur von alten Konserven lebten. Nun werden Vorräte für den Frühling oder Sommer angelegt. Für irgendwann, wenn es wieder losgeht mit der leiblichen Kopräsenz. Die Streaming-Premieren sind nur Geschmacksproben für später Wiederaufzuwärmendes. 

So zielt Jürgen Flimms...