Vom Schnee verweht

Zur Spielzeiteröffnung stellt Jan Bosse einen unentschiedenen «Onkel Wanja» ins Schauspiel Frankfurt

Theater heute - Logo

Da laufen sie: Onkel Wanja, in seiner überdimensionierten Pelzmütze ebenso verschwindend wie im weiten grauen Mantel, gefolgt von Astrow, mit Jeans und Cowboyboots, strähnigem Haar und groteskem gelbem Schnauzbart. Zart wehen Schneeflocken herab, die Bühne dreht sich, die Männer laufen ins Leere: vom Winde verweht. Oder doch eher «Doktor Schiwago»? Nein, «Onkel Wanja» steht im Programm, inszeniert von Jan Bosse – der das leerdrehende Sommermärchen etwas später im Jahr platziert hat, sodass am Ende der Schnee stöbert.

 

In der Vergangenheit hat Bosse mitreißende Theaterabende auf die Bühne des Schauspiel Frankfurt gebracht – übrigens recht unabhängig von der jeweiligen Intendanz (Elisabeth Schwee -ger, Oliver Reese, jetzt Anselm Weber). Thomas Bernhards «Am Ziel» (2004) beispielsweise, eine berührende, zwingende Inszenierung, mit dem beeindruckenden Bühnenduo Jennifer Minetti und Jens Harzer. Oder Werner Schwabs «Die Präsidentinnen» (2005), schreiend komisch und zu Tode betrübt. Oder, viel später, Shakespea -res «Richard III.» (2017), bei dem die Spieler:innen zwischen den Publikumsrängen herumeilend Leben und Tod, Macht und Ohnmacht verhandelten. Immer dabei: Die überraschenden, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute 11 2022
Rubrik: Aufführungen, Seite 20
von Esther Boldt

Weitere Beiträge
Im Wald baden gegangen

Immer wenn es das Establishment mit Gier, Ressentiment und Gewinnmaximierung auf die Spitze treibt – und dabei an seine Grenzen stößt –, wird die Sehnsucht nach einem Ort, der nicht Law and Profit bedient, sondern Fantasie, Gemeinschaftssinn, mitunter auch Rausch und Wahn, besonders groß. Wie ein solches Außen entspannter Anarchie und sorgefreien Dahinlebens zu...

Geschichten, die wir uns über uns selbst erzählen

Vier Körper liegen bäuchlings auf einer Rampe, den Kopf voran. Sie tragen lediglich Unterwäsche und scheinen hinab zu stürzen, ins Nichts zu fallen. Nur spärlich wird die Rampe erleuchtet, der Rest der Bühne versinkt im Dunkel. Minutenlang bleibt das Bild eingefroren, scheint unverändert im Dämmerlicht. Oder rutschen die Leiber? Verschiebt sich das Bild? Ohne dass...

Showroom 11/22

BERLIN, AKADEMIE DER KÜNSTE bis 22.1.23, Spurensicherung. Die Geschichte(n) hinter den Werken 
Überraschende Forschungsergebnisse über die Herkunft von Bildern, Büchern, Objekten und Dokumenten in den Sammlungen der Akademie der Künste: Zu den Exponaten gehören Manuskripte des Philosophen Walter Benjamin, die von der Gestapo beschlagnahmte Sammlung des Kunst...