Fünf vor zwölf
Irgendwann steht Jens Harzer an der Rampe und erzählt Naturwissenschaftler-Witze. «Was soll man machen, wenn man ein hellgrünes Alien sieht? Warten, bis es reif ist.» Dann lacht er affek -tiert, und die Zuschauer:innen im Hamburger Thalia Theater lachen freundlich mit. Das gibt einen kleinen Hinweis darauf, wie viel das Publikum Robert Wilson zu vergeben bereit ist. Im Zweifel sogar total unlustige Flachwitze.
Wilson und das Thalia, das ist eine lange Liebesgeschichte.
Unter Jürgen Flimm hatte der heute 81-Jährige dem Haus ab Mitte der 1980er einen Weg in die Postdramatik eröffnet, für viele Hamburger:innen zählen Inszenierungen wie «The Black Rider» (1990), «Alice» (1992) und zuletzt «POEtry» (2000) zu Höhepunkten ihrer Theaterbiografie. Und solch eine Liebe gibt man nicht auf, auch wenn Wilson mit zunehmendem Alter immer mehr in Richtung Manierismus tendiert – die Gastspiele seiner Inszenierungen in der Hansestadt sind jedenfalls traditionell ausverkauft. Entsprechend ist es auch eine Verbeugung vor der Geschichte des Hauses, dass der aktuelle Thalia-Intendant Joachim Lux Wilson noch einmal zu einer eigenen Inszenierung an der Alster verpflichten konnte: «H – 100 Seconds To ...
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Theater heute 11 2022
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Falk Schreiber
Olga Grjasnowas Roman «Der Russe ist einer, der Birken liebt» war vor einigen Jahren ein Bezugspunkt fürs Theater: Yael Ronen inszenierte den Stoff 2013 zur Eröffnung von Shermin Langhoffs Intendanz am Berliner Gorki Theater und setzte so eine erste Duftmarke, wo dieses Theater identitätspolitisch hinwollte. Langhoff schwebte ein Theater für die multikulturellen...
Zum Davonlaufen! Nicht die Inszenierung, die kann man sich beruhigt ansehen, nein, die Rolle. Wer will schon eine geliebte Frau ermorden? Schauspieler:innen haben es schwer, sie müssen Dinge tun, die sie nicht wollen. Und das «Nur-alsob» reicht nicht mehr zur Entschuldigung. Eigentlich sollte man Shakespeares «Othello» gar nicht mehr spielen, meint die weiße...
Da laufen sie: Onkel Wanja, in seiner überdimensionierten Pelzmütze ebenso verschwindend wie im weiten grauen Mantel, gefolgt von Astrow, mit Jeans und Cowboyboots, strähnigem Haar und groteskem gelbem Schnauzbart. Zart wehen Schneeflocken herab, die Bühne dreht sich, die Männer laufen ins Leere: vom Winde verweht. Oder doch eher «Doktor Schiwago»? Nein, «Onkel...
