Seien Sie laut, gern auch polemisch
Von John Fante gibt es das großartige Buch mit der großartigen deutschen Übersetzung des Titels «1933 war ein beschissenes Jahr». In Deutschland war 1933 aus vielerlei Gründen ein beschissenes Jahr, John Fante bezieht das in diesem Fall jedoch auf den ganz persönlichen Gemütszustand seines Protagonisten. Wäre dieser Titel für einen Roman nicht vergeben, ich hätte ihn für mein Jahr 2025 gewählt. Gar nicht politisch, einfach nur für mich. Für mich war 2025 ein beschissenes Jahr. Warum, ist ganz egal, das hat hier niemanden zu interessieren. Ich will es nur mal gesagt haben.
Als einer dieser Ost-Erklärbären, der zyklisch wiederkehrend am Nasenring durch die Arena gezogen wird, darf ich Sie darauf hinweisen, dass dieses Jahr im «Osten» (konkret in den beiden Bindestrichbundesländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern) noch gewählt wird. Als Mensch, den das sogenannte Zeitgeschehen interessiert (was Sie als Leserin einer Nischenzeitschrift höchstwahrscheinlich tun), wussten Sie das natürlich längst.
Wahlen sind herausfordernd. Das gilt für alle Beteiligten und für das politische System selbst. Das Ringen der Parteien um Zustimmung, die Herausbildung neuer Zweckbündnisse auf Zeit, das Beenden und Beginnen von politischen Karrieren, die Übergabe von Macht; alles neuralgische Punkte in einer Demokratie. Nicht umsonst gibt es Parteien, die sich für die Abschaffung von Wahlen einsetzen oder sie nur noch zum Schein durchführen. Dass auch jene politischen Kräfte einst gewählt wurden, gerät dabei schnell in Vergessenheit. Autoritarismus fällt nicht einfach vom Himmel. Bei aller vermeintlichen Kleinteiligkeit des politischen Alltags; jede Wahl hat etwas Richtungsweisendes.
Im Osten Deutschlands werden solche Worte von der Kanzel besonders häufig formuliert. Sie dürfen sich auch in diesem Jahr auf viel Mahnendes, Warnendes und Belehrendes einstellen. Wie also gut durch dieses bereits angebrochene Wahljahr kommen? Was tun? (So ganz grundsätzlich.) Ich möchte Ihnen, wenn Sie erlauben, ein paar Tipps geben. Handreichungen für Resilienz und Gleichgültigkeit sozusagen, aber auch für Empörung und, haha, ein gewisses Augenzwinkern.
Tipps fürs Wahljahr
Vor der Wahl: Entwickeln Sie Spaß an der Berichterstattung. Ja, man kann daran verzweifeln. Seit der Wiedervereinigung ist der Osten das schwarze Schaf der bundesrepublikanischen Familie. Zu alt, zu lahm, zu geringverdienend. Seit über zehn Jahren muss sich dieses Schaf außerdem noch anhören, rechts zu sein und die tolle entnazifizierte BRD in zurückliegende (manche sagen: vergessene oder verdrängte) braune Zeiten zurückzuführen. Sollten Sie in einer Fußgängerzone von einer Reporterin, einem Journalisten oder sonstigen Medienschaffenden angesprochen werden (die Wahrscheinlichkeit ist hoch, immerhin leben neben Ihnen nicht mehr viele Menschen im Osten), sprechen Sie Unerwartbares. Zum Beispiel, dass Ihnen die Lebensmittel -preise zu niedrig sind, das Angebot an Fachärzten zu groß, die Bahn zu pünktlich, die Innenstadt zu belebt. Sie könnten, um das Ganze zu steigern, behaupten, dass Sie die Grünen wählen, oder die Piraten-Partei. Dinge eben, mit denen niemand rechnet und die statistisch unwahrscheinlich sind. Erfreuen Sie sich unmittelbar am entsetzt überraschten Gesichtsausdruck Ihres Gegenübers und schließlich an den herumeiernden Interpre -tationsversuchen irgendwelcher Ost-Versteher in Funk und Fernsehen, die Ihre Aussage einzuordnen versuchen. An dieser Stelle dürfen Sie sich selbst beglückwünschen: Sie haben die sich um sich selbst drehenden westdeutschen Medienhäuser erfolgreich in die Irre geleitet. Der Ostdeutsche bleibt, entgegen der An -nahme, weiterhin rätselhaft.
Besser-Ossis
Wir, die wir uns berufsmäßig mit dem Osten beschäftigen, und Sie, die sie alle diese Interviews und Analysen lesen, wussten es immer: Das Ende der DDR und das starke Abschneiden der AfD im Osten hängen nicht unmittelbar zusammen. Auch wenn es so schön bildlich ist, der Zusammenbruch eines Staates, seiner Ordnung und seiner Institutionen; all das mündet nicht zwangsläufig im Rechtspopulismus. Auch Länder, die keine vierzig Jahre währende Trennung hinter sich haben, schaffen das. Der Westen Deutschlands wollte das lange nicht glauben, aber seitdem diese gesichert rechtsextreme Partei auch in allen anderen Landesparlamenten (in Hessen sogar mit den zweitmeisten Sitzanteilen) und im Bundestag als zweitstärkste Frak -tion sitzt, vernimmt man Stimmen, die den Osten als Grund dieser Entwicklung identifiziert zu haben glauben ein wenig kleinlauter, finden Sie nicht auch? An dieser Stelle ist es wichtig, nicht etwa zu sagen: Kein Problem, alle machen mal Fehler, wir sehen euch diese falsche Analyse nach. Sondern: Ha, wir haben es euch doch gesagt! Niemand mag Besserwisser, schon klar, aber wenn man wirklich etwas besser weiß, spricht nichts dagegen, das auch mal zu betonen. Nur zu, keine falsche Bescheidenheit! Sie dürfen auch (ich vertraue da auf Ihr Taktgefühl) gern ein wenig übertreiben.
Vielleicht belassen Sie es nicht nur beim Rechtgehabthaben, sondern betonen auch das Rechthabenwerden. Lange genug wurden Ossis über die Vergangenheit und Gegenwart befragt, möglicherweise schlägt jetzt die Stunde der Ossi-Orakel. Erzählen Sie dem Westen, was alles noch auf ihn wartet, was auf ihn zukommen wird: schrumpfende Städte, überalterte Landbevölkerung, grassierende Einsamkeit, marode Infrastruktur, Auflösung von Kirchen-, Gewerkschaft-, und Vereinsbindung, Neonazis auf den Straßen und in den Parlamenten.
Phrasen der Selbstvergewisserung
Achten Sie auf Worthülsen. Wo es lange hieß, «der gesellschaftliche Zusammenhalt steht auf dem Spiel» (während Corona) oder «die Gesellschaft ist gespalten», heißt es nun «die Demokratie ist gefährdet». Politiker können mit dieser Phrase allerhand politische Einfallslosigkeit kaschieren, zu Bündnissen aufrufen und vor allem legitime Kritik zur Seite wischen. Allein: Es gibt keine Zahlen, die diese Aussagen stützen würden. Weder ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet, noch die Gesellschaft polarisiert (unter anderem die Soziologen Steffen Mau und Nils C. Kumkar haben dazu Bücher vorgelegt), noch die Demokratie ernsthaft gefährdet (die generelle Zustimmung zur Demokratie als Staatsform ist seit Jahren gleichbleibend hoch). Man darf annehmen, dass es sich hier um Worthülsen der Selbstverge -wisserung handelt. Polarisiert und demokratiegefährdend sind nämlich immer die anderen.
Ein weiterer Nullsatz kreist um jene These, dass diese Gegenwart die wirklich herausforderndste aller Zeiten ist. Man darf das als vermessen betrachten und daran berechtigte Zweifel haben (fragen Sie mal Historiker), oder es als eine dieser vielen Phrasen betrachten, die Menschen eben so sagen, um sich schlauer zu machen als sie sind.
So oder so, statt sich in Panik versetzen zu lassen und daher vielleicht eine Partei zu wählen, die gar nicht Ihren Interessen entspricht, begegnen Sie den Worthülsen spielerisch. Erstellen Sie eine Tabelle, vier mal vier Spalten und Zeilen, laden Sie Ihre Freunde und Verwandte ein, es Ihnen gleich zu tun und spielen Sie Nullsatz-Bingo. Begriffe dafür können Sie einer Jessy-Wellmer-Doku entnehmen: «Wut», «Hass», «Enttäuschung». Das Wort «Ticken» darf nicht fehlen, gern in der Kombination «Tickt der Osten anders?» und in jedem Fall das Wort «Verstehen», die Menschen verstehen, «vor Ort», sowas eben. Jedenfalls, wer zuerst eine Reihe mit Worten abstreichen kann, vertikal, horizontal oder digital, gewinnt. Preise könnten sein: eine Fahrt hin und zurück mit dem sogenannten Sachsenexpress zwischen Dresden und Leipzig, ein Buch von Peter Hahne, eine Gebrauchtwagenkaufberatung von Christian Lindner. Dinge, über man sich eben genauso wenig freut wie über sinnentleerte Phrasen.
Unzufriedenheit
Ich ahne, dass ich mir mit diesem Artikel eine wohlwollende Mail von Susanne Dagen einhandeln könnte. Leider wird berechtigte Staatskritik dieser Tage schnell als rechte Schwurbelei oder Verschwörung vereinnahmt. Aber Unzufriedenheit ist wichtig, Herrschaftskritik notwendig. Wenn Sie über den Zustand der Infrastruktur, des Bildungs- und Gesundheitswesen frustriert sind, wenn Sie nicht nachvollziehen können, warum für Maskendeals, Mautpläne, Cum-Ex und den Erweiterungsbau des Bundeskanzleramts Milliarden an Steuergeldern verschwendet werden, aber überall sonst gespart und gestrichen werden soll, wenn Sie es ungerecht finden, dass eine steigende Zahl an Menschen in diesem Land nicht mehr arbeiten geht, weil ihr Geld für sie arbeitet, vom Rest der Bevölkerung aber ein Ärmelhochkrempeln gefordert wird, dürfen Sie das be -mängeln. Sie dürfen in dieser Hinsicht meckern, mosern und motzen, was das Zeug hält. Seien Sie laut, gern auch polemisch. Und lassen Sie sich bitte nicht mit dem Argument abspeisen, dass grundsätzliche Veränderungen und Reformen gerade nicht angebracht sind, weil wir uns als Demokraten ja verbünden müssten, um die Demokratie zu verteidigen.
Am Wahltag
Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern finden im September statt. Mit etwas Glück hatten Sie bis dato einen schönen, nicht allzu trockenen, nicht allzu verregneten Sommer (mit Fußball-WM). Vielleicht haben Sie sich an Pommes und Eis satt -gegessen, einen noch wärmenden Sonnenbrand im Nacken und hoffentlich den Anblick goldgelber Weizenfelder für den beginnenden Herbst tief in ihrem Gedächtnis eingespeichert. Es könnte einiges dafürsprechen, mit einer gewissen Leichtigkeit der zweiten Jahreshälfte entgegenzugehen. Ich wünsche Ihnen, dass sich das zufrieden erschöpfte Lächeln am Ende eines Tages im Freibad bis zum Wahlabend konserviert. Schenken Sie sich ein kühles Getränk ein, legen Sie sich barfuß auf das Sofa: Die 18-Uhr-Hochrechnung wartet auf Sie.
Wahlen sind nicht nur Mittel und Zweck von Machterhalt und Machtübergabe, sondern auch einzigartige Momente gesellschaftlicher Selbstbeobachtung. In diesem Land verdient eine absurde Menge Menschen Geld damit, die Bevölkerung mit ihren Wehwehchen zu vermessen. Wenn irgendwo der Schuh drückt, steht irgendwo ein Demoskop und schreibt das auf. Da wird dann hoch- und quer- und überhaupt sehr viel gerechnet, um aus diesem Schuhdrücken einen repräsentativen Befund abzuleiten.
Wahlen stellen diese Zahlen in den Schatten, oder anders: Wahlen sind von einer belastenden Faktizität, die Demoskopen schönerweise kurz verstummen lassen. Zu keinem anderen Zeitpunkt in einer Demokratie legt eine Gesellschaft so offen und zielgerichtet ihre Einstellungen frei. Nie sonst ist es möglich, das eigene Wahlverhalten mit dem Rest der Bevölkerung abzugleichen. Das kann zu kurzen Momenten der Verbrüderung führen oder zu Momenten der Entfremdung.
Ich zum Beispiel finde an Wahlabenden nur sehr spät ins Bett. Zwischen den loriothaften Auftritten der Spitzenkandidaten der Parteien («Die Wählerinnen und Wähler haben entschieden, für uns ist das ein klarer Regierungsauftrag», «Wir werden nun erst einmal mit allen demokratischen Parteien Gespräche führen») ploppen immer neue Zahlen auf, werden immer neue Analysen präsentiert. Es ist, als lernte ich mein Bundesland alle fünf Jahre neu kennen.
Nach der Wahl
Rechtsextreme in Parlamenten sind hochgradig beunruhigend und idealerweise an Machtausübung zu hindern. Sie dürfen darauf vertrauen, dass es in den konservativen und sozialliberalen Parteien noch anständige, ja integre Politiker gibt. Noch besser: Sie dürfen diese Personen sogar wählen! Das ist ein Privileg, das mittlerweile nur noch der Minderheit aller Menschen weltweit vergönnt ist. Und Sie dürfen, auch das ist eine feine Sache, sogar selbst in eine Partei eintreten und sich wählen lassen.
Sollten Sie nach der Wahl und vor anstehenden Gesetzes -beschlüssen jedoch den Eindruck gewinnen, dass anständiges Verhalten ebenso wie Geld für Kultur und Soziales aus einem möglichen Koalitionsvertrag gestrichen werden könnte, schreiben Sie Ihrem Wahlkreisabgeordneten doch mal einen Brief. Das wirkt aus der Zeit gefallen, ich weiß. In den USA ist es jedoch gängige Praxis, dass bereits Schulklassen Briefe und Mails an ihre Abgeordneten im Kongress oder Senat schreiben. Das stellt Nähe und beiderseitige Sichtbarkeit her. Oder besuchen Sie mal ein Wahlkreisbüro. Machen Sie sich vorstellig, stellen Fragen, geben Anregungen. Warum sollte man den persönlichen Kontakt zu Abgeordneten ausschließlich Lobbyisten überlassen? Sie müssen auch nicht gleich das Abendessen bezahlen. Kekse mitbringen genügt, bisschen Fallobst aus dem eigenen Garten. Die Geste zählt. «Guten Tag, mein Name ist Rietzschel, ich wüsste gern, warum Sie mit Rechtsextremen abgestimmt haben.»
Vielleicht haben Sie am Ende dieses Textes den Eindruck, ich sei ein zynischer Mensch. Wie gesagt, mein letztes Jahr war beschissen, schieben Sie es gern darauf. Tatsächlich bin ich unzufrieden und bisweilen frustriert. Es gelingt mir nicht immer, mein Inneres von der äußeren Welt zu schützen. Ziemlich sicher bekomme ich irgendwann Herzprobleme und oder ein Magengeschwür. Um Sie davor zu bewahren, ein letzter Hinweis, um nicht zu verzagen: Nichts ist zwangsläufig, alles lässt sich ändern. Schreien Sie, bevor Sie an die Wahlurne treten, Zuhause mal kräftig ins Kissen. Das wirkt. Und ist gesünder als andersherum.
Theater heute Jahrbuch 2026
Rubrik: Was tun?, Seite 49
von Lukas Rietzschel
Uraufführungen
A
Emre Akal
Ein Traumspiel (Düsseldorfer Schauspielhaus)
Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey
Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus (Theater Paderborn – Westfälische Kammerspiele)
Sally Anger
Du musst tanzen (Comedia Colonia Theater Köln)
B
Olga Bach
Eine Sache der Auslegung (Schauspiel Köln)
Golda Barton
Die Jane-Austen-Methode (Theater Freiburg)
Esth...
Ja, leider, der Backlash ist in vollem Gang. Und ich fürchte, dies ist erst der Anfang dieser erschreckenden Entwicklung: In der Politik, gesellschaftspolitisch im Großen, zwischenmenschlich im Kleinen, das Theater und die Medien gleichermaßen betreffend. Das dürfen wir als (Theater-)Menschen, als Gesellschaft, weder tolerieren noch akzeptieren.
Angst, Unsicherheit, Bedeutungs- und...
Was tun, fragt ihr: Umgehen, mit den Geistern, die man rief. Wir haben die Geister nicht nur gerufen, sondern gebaut, in Jahren der Arroganz, uns hübsch und gefährlich diese Geister zusammengezimmert, und nun stehen sie vor uns und sind ganz genauso gruselig, wie wir sie haben wollten. Die Gewalt kommt zurück, sie kommt immer zurück. Was wir erleben, ist keine Ungerechtigkeit, sondern...
