Ring frei!
Irgendwann landet Marianne, eines der vielen «süßen Wiener Mädels» des abgründigen österreichisch-ungarischen Dramatikers Ödön von Horváth, die keinen Platz im Leben finden, nackt als Tableau vivant in einem Varieté. Meist wird das eindeutig erotisch gedeutet. Johan Simons und sein Ensemble legen diese Szene aus «Geschichten aus dem Wiener Wald» im Burgtheater überraschend neu an: Maria Happel und Sarah Viktoria Frick machen daraus eine aberwitzige expressionistische Performance, entfremden Patriarchats-Symbole ironisch.
Sie cremen sich gegenseitig ein, zerbröseln eine Zigarre und kleben sie sich dann als falschen Bart ins Gesicht. Die beiden sind angezogen und keine erotischen Projektionsflächen. Sie finden tatsächlich ein Stück Freiheit in einer Kunstnische, die schon bald von den Nazis verboten werden wird.
Wie zeigt man Unterdrückung, ohne sie auf der Bühne zu wiederholen? Wahrscheinlich eine der zentralen Fragen des Gegenwartstheaters. Horváth dekliniert in seinem artifiziellen Volksstück knallhart durch, wie einer jungen Frau, die aus der kleinbürgerlichen Welt entkommen möchte, das Genick gebrochen wird. «Du wirst meiner Liebe nicht entkommen», droht der Fleischer Oskar ...
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Theater heute Januar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Karin Cerny
«Ich bin so wenig Schauspieler, wie Sie Journalist sind», sagt Lars Eidinger, und was hier gedanklich hübsch verdreht daherkommt, ist tatsächlich die Grundprämisse, mit der Eidinger die Hamburger Kunsthalle bespielt. Als Fotograf und Videokünstler, nicht als Theater-, Film- und Fernsehstar. «Ich fotografiere schon mein gesamtes Leben, seit 1982 beschäftige ich mich...
Mitten hinein in die Gendersternchen-Diskussionen, mitten hinein in die Diskurse zur politisch-korrekten Identifizierung aller Möglichkeiten jenseits des Binären inszeniert Friederike Heller «Hedwig and the Angry Inch». Das Musical von John Cameron Mitchell, 1998 am Off-Broadway uraufgeführt, ist sicherlich eines der unterhaltsamsten Stücke zur Debatte.
Heller...
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