Querfronten, Zaubergesten und rasende Rituale

Das Berliner Theatertreffen 2017

Theater heute - Logo

Auch nach hundert Jahren läuft Tschechows dramatische Familienlimousine «Drei Schwestern» noch einwandfrei auf vielen Bühnen. Trotzdem zeigt Simon Stone, dass es nicht schadet, das Dialogmaterial generalzuüber­holen oder auch gleich gänzlich auszutauschen – bei gleichzeitiger Erhaltung der Karosserie.

So kommt es auf der Bühne des Basler Theaters zu kleinen Verschiebungen – aus dem Haus des verstorbenen Generals Prosorow wird eine Highend-Ferien-«Hütte», der einst soldatische Bekanntenkreis übt mittlerweile zivile Berufe aus, die Neu-Vegetarierin Irina kriegt zum Geburtstag einen Prosciuttoschneider, und Schwiegertochter Natascha übernimmt nicht nur wie im Original das Ruder, sondern luchst nach der Scheidung Ex und Familie gleich das gesamte Erbe ab. Dennoch lassen sich die vorrevolutionären Leiden der Erben – denn das sind die drei Schwestern und ihr Bruder in erster Linie – erstaunlich geschmeidig in die deutschschweizer Gegenwart übertragen.

Das hellwache Basler Ensemble spielt Figuren, die gerade in ihren Schwächen unbedingt ernstzunehmen sind: Andrejs Drogensucht, Olgas Ersatzmütterlichkeit, Maschas und Irinas Unfähigkeit, die reale Nähe ihrer Männer auszuhalten, sind bei ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Mai 2017
Rubrik: Theatertreffen 2017, Seite 4
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Zurück zur Unschuld

Es ist ja eigentlich nicht die Zeit der Chöre. Das Marschieren im Gleichschritt, das gemeinsame Intonieren, das Skandieren der Parolen sind uns fremd geworden. Pegida-Trupps auf Marktplätzen oder Ultras im Fußballstadion haben eigentlich den Touch des Fossilen. Das Gros der politischen Demonstrationen ist ein heterogenes Get-together von pragmatisch gestimmten...

Vorschau

Wenn sich Herbert Fritsch Grimms Märchen vornimmt, dann lodert die schwarze Bürgerseele in hellen Wahnsinnsflammen: «Grimmige Märchen» in Zürich.

Ein Stückabdruck nach 93 Jahren: Ödön von Horváths «Niemand», unlängst uraufgeführt in Wien und nachgespielt in Berlin.

Manchmal plant die Redaktion etwas, doch das Leben plant eigenwilligerweise anders. Aber im Juni...

Glückliche Tage in Philippsburg

Auf der Liste der besten Tschechow-Figuren, die nicht von Tschechow sind, dürfte der Frauenarzt Dr. Benrath ziemlich weit oben rangieren. Gespielt von Felix Klare steht er auf der Bühne, ein schlanker, großer Kerl mit schickem Bärtchen, und fixiert mit entschlossen zusammengekniffenen Augen seine selbstrechtfertigende Argumentationskette: Ja, er sei seiner Frau...