Das Strömen der Gedanken
Im Programmheft zu Michael Thalheimers Hamburger Inszenierung des «Zerbrochnen Krugs» wird er ausführlich zitiert, Kleists Aufsatz «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Tatsächlich zeugen ja in keinem anderen Kleistschen Werk Worte so hemmungslos Worte, aus denen Gedanken werden, oder auch mal: Lügen.
Wenn Frau Marthe die Wörter auf den Kopf stellt und ineinander schiebt in ihrer Wut auf die Gerichtsbarkeit, klingt das fast wie Elfriede Jelineks Sprachmaschinerie: «Wer wird mir den geschiednen Krug entscheiden? Hier wird entschieden werden, dass geschieden / der Krug mir bleiben soll. / Für so’n Schiedsurteil / geb ich noch die geschiednen Scherben nicht.» Oder wenn Dorfrichter Adam nach der Nacht seines Sündenfalls stottert: «Zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße / auf diesem glatten Boden / ist ein Strauch hier? / Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt / den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.» Das allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Reden ist ein ständiges Sich-selbst-ins-Wort-Fallen und Um-die-Ecke-Gehen, ein Prozess, der, mit Glück, am Ende die Wörter zum Ganzen eines Gedankens rundet.
Wir da oben, die da unten
So allerdings ...
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Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Barbara Burckhardt
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