Das Strömen der Gedanken
Im Programmheft zu Michael Thalheimers Hamburger Inszenierung des «Zerbrochnen Krugs» wird er ausführlich zitiert, Kleists Aufsatz «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Tatsächlich zeugen ja in keinem anderen Kleistschen Werk Worte so hemmungslos Worte, aus denen Gedanken werden, oder auch mal: Lügen.
Wenn Frau Marthe die Wörter auf den Kopf stellt und ineinander schiebt in ihrer Wut auf die Gerichtsbarkeit, klingt das fast wie Elfriede Jelineks Sprachmaschinerie: «Wer wird mir den geschiednen Krug entscheiden? Hier wird entschieden werden, dass geschieden / der Krug mir bleiben soll. / Für so’n Schiedsurteil / geb ich noch die geschiednen Scherben nicht.» Oder wenn Dorfrichter Adam nach der Nacht seines Sündenfalls stottert: «Zum Straucheln brauchts doch nichts als Füße / auf diesem glatten Boden / ist ein Strauch hier? / Gestrauchelt bin ich hier; denn jeder trägt / den leid’gen Stein zum Anstoß in sich selbst.» Das allmählichen Verfertigen der Gedanken beim Reden ist ein ständiges Sich-selbst-ins-Wort-Fallen und Um-die-Ecke-Gehen, ein Prozess, der, mit Glück, am Ende die Wörter zum Ganzen eines Gedankens rundet.
Wir da oben, die da unten
So allerdings ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Mai 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 42
von Barbara Burckhardt
Wer hätte gedacht, dass der Puls der Zeit noch schneller schreibt als Elfriede Jelinek? Ihr Textkonvolut «Wut», angeregt von der Empörung über das Attentat auf «Charlie Hebdo», den Überfall auf den jüdischen Supermarkt in Paris und die folgenden Terroranschläge vom November 2015, stammt noch aus einer Zeit vor der englischen Brexit-Entscheidung, vor der Wahl von...
Psychopathologie, die den Körpern eingeschrieben wird. Gefühlte Schwäche produziert anmaßende, ihrer selbst nicht sichere Stärke. «nicht schlafen» wurde inspiriert von Philipp Bloms «Der taumelnde Kontinent» sowie der Musik Gustav Mahlers, des spätromantischen Krisen-Diagnostikers aus der Klimazone Sigmund Freuds. In der kulturgeschichtlichen Betrachtung der Belle...
Wenn Individualgeschichte durch alle Verwerfungen und Leiden hindurchgegangen ist, gerinnt sie zum Schlagwort fürs Fachwörterbuch: «Postnomadische Traumatisierung aufgrund von Krieg und Verfolgung» steht auf einem Flipchart am Beginn dieses Hannoveraner Abends. Man nähert sich Remarques Flüchtlingsgeschichte «Die Nacht von Lissabon» im fiktiven Rahmen einer...
