Nicht aufhören
Ich befinde mich auf einer Bahnfahrt zwischen Dresden und Berlin. Auf meinem Sitzplatz angekommen, krame ich Bücher aus meiner Tasche, um zu arbeiten, als mein Blick auf die sächsische Ausgabe der «Bild»-Zeitung fällt. Sie gehört der Frau, der ich gegenübersitze. Die Schlagzeilen kann ich nicht lesen, denn darüber liegt ein Buch über die Gefährdung Deutschlands durch die «linksgrüne Meinungsmacht». Der Impuls, meiner Textfassung nachzugehen, friert ein, und eine andere Arbeit beginnt.
Ich beobachte die Frau und denke als Erstes: nicht aufhören.
Nicht aufhören, als Regisseur für sensible Themen und queere Lesarten in Spielplänen zu kämpfen. Nicht aufhören, Bilder auf der Bühne freizulegen, die heteronormative Sehgewohnheiten herausfordern. Nicht aufhören, als Schauspieler meine Figuren aus freien Räumen heraus zu denken und mich im Spiel mit meinem Körper gegen all die vermeintlichen Grenzmauern zu werfen, die gerade wieder hochgezogen werden, ehe sie jemals wirklich abgebaut wurden.
Die Ankündigung einer verspäteten Ankunft unseres Zuges lässt mich spüren, wie schnell meine Laune heute umschlagen kann. Für die Frau gegenüber ist die Verspätung währenddessen der Beweis dafür, «wie ...
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Theater heute Jahrbuch 2026
Rubrik: Was tun?, Seite 64
von Simon Werdelis
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