Kunst und Kochen

45 Kritikerinnen und Kritiker nennen Höhepunkte der Saison 2025/26

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Die Münchner Kammerspiele sind das Theater des Jahres! 9 Kritiker:innen stimmten für das inklusive Haus zwischen der Maximilian- und Falkenturmstraße, das Intendantin Barbara Mundel in den ersten Jahren etwas schleppend, zuletzt aber immer erfolgreicher führte und in dieser Spielzeit mit insgesamt vier Inszenierungen beim Berliner Theatertreffen und bei den Mülheimer Theatertagen vertreten war.

Wegen der unübersehbaren Verdienste prägte auch einige Empörung die letzte Debatte der vergangenen Spielzeit um eine mögliche Vertragsverlängerung, der schließlich Mundel selbst ein Ende setzte mit der Nachricht, dass sie nach 2028 nicht mehr zur Verfügung stehe. Schade – und umso herzlichere Glückwünsche! Erfreuliches Gedrängel auf dem zweiten Platz, den sich das Maxim Gorki Theater in seiner letzten Saison unter Shermin Langhoff, das Berliner Ensemble und das Schauspiel Köln teilen.

Weitere Erfolge made by Kammerspiele: die Inszenierung des Jahres ist «Wallenstein» nach Friedrich Schiller. 7 Kritiker:innen begeisterten sich für Jan-Christoph Gockels siebenstündige Kriegsund Kochshow, die die Dramaturg:innen des Jahres Viola Hasselberg und Claus Philipp auf den russischen Söldner-Unternehmer Prigoschin und Kaiser Putin bezogen. Aus dem teilweise crossgender-besetzten «Wallenstein»-Cast ragt wiederum mit insgesamt 6 Stimmen die Nachwuchsschauspielerin des Jahres Annika Neugart in der Rolle des Max Piccolomini heraus. Auf Platz zwei wiederum die Siegerin des Vorjahres: Fünf Kritiker:innen votierten für Florentina Holzingers «A Year Without Summer» an der Berliner Volksbühne.

Auch eins der beiden Stücke des Jahres, Avishai Milsteins Doku-Revue «Play Auerbach!» um einen historischen Fall von Antisemitismus, spielerisch aufbereitet in der Zukunft, geht auf einen Auftrag der Münchner Kammerspiele zurück. Ebenfalls 5 Voten erhielt «To My Little Boy», Caren Jeß’ zeitgeistig-menschenfreundliches Drama um einen Geologen und sein guilty Pleasure, ein Stoffschwein namens Tupper. Je 3 Voten versammeln die Theaterstücke «Schwuler Lehrer!» von Julia Reichert, Piet Baumgartner und Karen Klötzli sowie Tiago Rodrigues’ «Caterina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten» auf sich.

Die Schauspielerin des Jahres heißt Paulina Alpen. Für ihr zwischen Distanz und Schrecken fein ausbalanciertes Spiel in Lucia Bihlers Stuttgarter Adaption von Thomas Melles autofiktio -nalem Roman «Die Welt im Rücken» schenkten ihr 8 Kritiker:innen ihre Stimme (plus 2 in der Kategorie Nachwuchs). Je 3 Stimmen erhielten die Zweitplatzierten Kathleen Morgeneyer für ihre Rollen in Johan Simons «Antigone» am Berliner Ensemble und Pia Hierzegger für ihre Wiener 24-Stunden-Performance «The Second Woman».

Auch der Schauspieler des Jahres Guido Lambrecht faszinierte 8 Kritiker:innen mit einer Langzeitperformance am Hans Otto Theater Potsdam: Über 5 Stunden erzählt er in der Regie und im Bühnenbild von Sebastian Hartmann minimalistisch Michel Houellebecqs Roman «Serotonin» nach – und ergänzt ihn um eigene Erinne -rungen und Prägungen durch seine Jugend in der DDR und danach. Von adoleszenten Prägungen und Traumata erzählt auch das Bühnenbild des Jahres (5 Stimmen) im monumentalen «Peer Gynt» nach Ibsen von Vegard Vinge/Inga Müller/Trond Reinholdtsen. Die Comic-Ästhetik der im Foyer ausgestellten Wimmelbilder von Vegard Vinge verlängerte Ida Müller in die Stadt Gyntiania auf der Berliner Volksbühne. Michela Flücks sizilianischer Palazzo in di Lampedusas «Il Gattopardo» im Zürcher Schiffbau folgt mit 3 Stimmen auf Platz 2. In Pinar Karabuluts Inszenierung begeisterten außerdem die teils historischen, teils kühn modernisierten Kostüme von Sara Valentina Giancane, die sich mit Victoria Behrs rotgepolsterten Outfits für «Die Welt im Rücken» den ersten Platz beim Kostümbild des Jahres teilt (je 4 Voten). Das Video des Jahres haben Mario Simon und Jan Isaak Voges für «Imagine» am Schauspiel Köln erstellt.

Das Multitalent des Jahres ist Serge Okunev, der in und für «Wallenstein» als Schauspieler, Performer, Rechercheur und Co-Dramaturg gewirkt hat und dafür je 3 Stimmen in den Kategorien Nachwuchs und Dramaturgie erhielt. Sehr divers bleibt das Feld beim Nachwuchs: Je 2 Stimmen erhielten die Autor:innen lynn t musiol, Frankfurter Hauptschule, Paula Lew van Well und Miriam Unterthiner, die Regisseur:innen Aram Tafreshian, Charly Hübner, Paula Lynn Breuer, Imre Lichtenberger Bozoki, Mikheil Charkviani, Nairi Hadodo/Daniela Holtz und Katharina Kohler, die Schauspieler Moritz Klaus, Elias Krischke und die Schauspielerinnen Shirin Ali, Paulina Alpen und Carla Richardsen, die sich hinter Annika Neugart den zweiten Platz teilen.

Herzlichen Glückwunsch allen Sieger:innen! Eins scheint der Theaterkritik jedenfalls nicht so schnell auszugehen: die Fülle der Ärgernisse des Jahres. Klar angeführt von Wolfram Weimer und der CDU-Kulturpolitik (15 Stimmen) haben die Kritiker:innen außerdem die Kulturkürzungen zwischen Chemnitz, Stuttgart und Dresden, die Aussetzung der Frauenquote beim Berliner Theatertreffen und das Leitungschaos bei den Salzburger Festspielen mindestens zweimal auf dem Zettel. Und ganze sechs Inszenierungen, die schlechte Laune gemacht haben!


Theater heute Jahrbuch 2026
Rubrik: Kritiker*innen-Umfrage, Seite 114
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