Kleine Frau – was nun?
Tilda rutscht aus, Tilda rutscht ab. Das kann schnell gehen heute, zumal im großstädtischen Niedriglohnmilieu. Im Debütstück des 35-jährigen Berliner Autors Philipp Gärtner widerfährt Tilda die folgende abschüssige Begebenheit: Ein Pizzabote schneidet die Radfahrerin, diese schlittert ins Autoheck, der einzige Zeuge erweist sich als pizzabrotaffin und damit bestechlich. Tildas Verletzung ist verschmerzbar. Der soziale Folgeschaden eher nicht. Kontostand, Jobsituation, Wohnungsnot – was eh schon prekär war, wird plötzlich prekärer.
Tilda wundert sich.
Über die Anwältin, die «bei aller Sympathie» nichts machen kann, außer 150 Euro Beratungshonorar abzurechnen. Über die WG, die sie rauswirft, weil sie illegal das Sofa belegt und nun Briefe vom Amtsgericht dort eintrudeln. Über den Kiezcafégast, der ihr «hastiges Humpeln» und den übergeschwappten Latte Macchiato missbilligt.
Klingt zornig, liest sich aber vor allem aberwitzig, wie Gärtner die ersten Szenen angeht. Unverkennbar spielt das Stück in Berlin. Und unverkennbar gehört Tilda Everywoman zu jener neuen Generation von Young Urban People, die der turbokapitalistische Schleudergang der Gegenwart aus der Mitte an den Rand ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Januar 2022
Rubrik: Chronik, Seite 55
von Stephan Reuter
Als der schwedische Ethnopopstar Gustav seiner Muse und Backgroundsängerin Sky nach liebestrunkener Tournee die zweite Sprachnachricht sendet, kündigt er an, seiner Frau Klara die neue Liebe zu beichten. Doch jeder Satz, den Lindy Larsson als Gustav ins Handy spricht, scheint ein neues Fettnäpfchen zu eröffnen: «It will be painful at first, but eventually she will...
Das Musiktheater bezeichnet als Revue eine stetige Abfolge von Auftritten. Schau, die Sängerin! Schau, der Komödiant! Schau, das Tanzensemble! Aufwendig ausgestattet, von Auftritt zu Auftritt in immer spektakuläreren Kostümen. Felix Rothenhäusler hat am Theater Bremen eine Revue allerdings als Folge von Abgängen inszeniert, und zwar im Sinne endgültiger Abgänge:...
Direkt neben der Keupstraße, dem Ort des NSU-Nagelbombenanschlags von 2004, liegen seit 2014 die Spielstätten des Schauspiels Köln. Die Verankerung des Schauspiels in diesem wenig beachteten Stadtteil am Rande Kölns wurde vor allem dadurch erreicht, dass der damalige Chefdramaturg Thomas Laue und Regisseur Nuran David Calis den zehnten Jahrestag des Anschlags zum...
