Mehr als die Schuld

Berliner Theater mit und ohne Gefangene: aufBruchs «Ödipus, Tyrann» in der JVA Tegel, Markus & Markus‘ «Die Brieffreundschaft» in den Sophiensaelen

Der Weg von den Schließfächern am Tor bis zu dem Trakt, in dem die Gefangenen «Ödipus» spielen, führt in eine parallele Welt. Nach Ausweis- und Impfpasskontrolle sowie einer überaus gründlichen Leibesvisitation trottet das Publikum übers Gelände der JVA Tegel, vorbei am winterlich tristen Garten mit Teich und Beton-Sitzgruppen, an zwei Sportplätzen, Schildern, die den Weg zur Schlosserei oder anderen Betrieben weisen.

Auch die einzige deutsche Gefangenen-Zeitschrift «Lichtblick» wird seit 1968 auf dem Areal aus der Kaiserzeit produziert, das eine wuchtige, zweitürmige Kirche überragt. Anscheinend wird das Publikum beobachtet aus den vergitterten Fenstern der Zellentrakte: «Viel Spaß!»-Rufe schallen über den Hof, aber auch höhnisch klingendes Gelächter. 

Arbeit, Ausbildung, Kirche, Freizeit, Kultur – das alles gibt es auch im Knast. Allerdings streng reglementiert, kontrolliert und fast immer unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Auch das Leitungsteam der seit 18 Jahren mit der JVA Tegel kooperierenden Gruppe aufBruch muss bei jedem Besuch ein kompliziertes Einlassprozedere durchlaufen, schließlich könnten Mitarbeiter:innen zu (unfreiwilligen) Boten für die insgesamt 800 Insassen ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Januar 2022
Rubrik: Magazin, Seite 69
von Eva Behrendt

Weitere Beiträge
Let love flow

Mitten in erbitterten Identitäts-, Privilegien- und Rassismus-Diskussionen hat die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu Sanyal mit ihrem Shortlist-Buchpreis-Bestseller «Identitti» schier Unvorstellbares geschafft: das Thema komplex zu verhandeln – und dennoch die Absurdität der Diskurs-Auswüchse so auf die Spitze zu treiben, dass befreites Gelächter auf einmal...

Auf dem Weg mit leichtem Gepäck

Kolonialverbrechen, Klassismus, Jugendproteste in Südamerika, das defizitäre Europa – die Spielzeiteröffnung am Schauspiel Dortmund darf als Ansage verstanden werden. Zentral sind Politik, Perspektivwechsel, neue Texte. Und es geht hier grundlegend um die Positionsbestimmung als Künstler:in, als immer noch neues Ensemble um Intendantin Julia Wissert, die 2020...

Kleine Frau – was nun?

Tilda rutscht aus, Tilda rutscht ab. Das kann schnell gehen heute, zumal im großstädtischen Niedriglohnmilieu. Im Debütstück des 35-jährigen Berliner Autors Philipp Gärtner widerfährt Tilda die folgende abschüssige Begebenheit: Ein Pizzabote schneidet die Radfahrerin, diese schlittert ins Autoheck, der einzige Zeuge erweist sich als pizzabrotaffin und damit...