Genug ist nicht genug

Was kann man eigentlich mehr verlangen, in so einem Frauenleben heute? Agnes (Sylvana Krappatsch) hat einen Mann, Walter (Samuel Finzi), der sie mag, Krimis schreibt und sehr souverän den Hausmann gibt. Sie hat eine moderat vorpubertäre Tochter, eine Sekretärin, einen interessanten Beruf als Neurowissenschaftlerin, wohnt in einem sympathisch postmateriell ausgestatteten Haus, und an ihrem Geburtstag kommen die Freunde zur Surprise Party, singen «Happy Birthday» und nehmen sie in die Arme. Warum fühlt sich dieses Leben für sie so tot an, dermaßen tot, dass selbst ein Toter sie nicht aus der Fassung bringen kann?

Theater heute - Logo

Gleich in der ersten Einstellung von Lola Randls Debütfilm «Die Besucherin» überfährt Agnes einen Mann, der ihr offenbar von seinem Balkon direkt vors Auto gesprungen ist. Die Sachlichkeit, mit dem sie dem durchaus mitfühlenden Polizisten Rede und Antwort steht, ist beängstigend.

Agnes ist fremd, eine Besucherin in ihrem eigenen Leben, eingesperrt in Routine wie die Kakerlake, die im von ihrer Tochter als buntes Wohnzimmer ausgemalten Schuhkarton die Wände hochkrabbelt.

Immer wieder sieht man sie im Auto, einem potenziellen Fluchtvehikel, das sie doch nur von A (Zuhause) nach B (Arbeit) bringt. Und irgendwann nach C, in eine verlassene Wohnung, deren Schlüssel ihr die ganz anders gestrickte, blind ihren Impulsen folgende Schwester Carola (Jule Böwe) zugesteckt hatte, die, statt dort auftragsgemäß Blumen zu gießen, mal wieder spontan aufbrach, nach Andalusien, zu einem Lover. Die leere Wohnung mit den verdorrten Blumen, dem toten Wellensittich wird ein unheimliches Refugium für Agnes. Sie fädelt sich ein ins Leben der unbekannten Bewohner, hört den Anrufbeantworter ab, stöbert in Briefen, liest Bücher an den Stellen weiter, wo das Lesezeichen hängt. Kommt den fremden Leben auf die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Das könnte Sie auch interessieren:
Natural born Performer - Samuel Finzi im Porträt


Theater heute Mai 2009
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Barbara Burckhardt

Vergriffen
Weitere Beiträge
Das Geheimnis des Erfolgs

Franz Wille Philipp Löhle, zuletzt haben wir vor gut einem Jahr gesprochen. Seitdem haben Sie eine rasante Jungdramatiker-Karriere gemacht. Zwei große Stücke – «Lilly Link» und «Die Kaperer» – sind uraufgeführt worden, es gibt auch schon Nachspiele an wichtigen Bühnen wie dem Münchner Volkstheater; außerdem nennenswerte Preise, eine Nominierung zu den Mülheimer...

Im Rausch der Krise

Gleich zu Beginn kracht es gewaltig, wenn der graue Familien-Volvo senkrecht aus dem Schnürboden stürzt und sich hochkant in die Bühnenbretter bohrt. Zusammen mit einem horizon­talen, abwechselnd blau, weiß, roten Leuchtstreifen bildet er im sonst leeren Bühnenraum von Jens Kilian fortan ein groteskes Fanal abrupt beendeter Lebensträume, einer...

Vom Gebrauch des Menschen

In Christian Petzolds Filmen wird wenig gesprochen und viel gezeigt: Gesichtslose Stadt- und Landschaftsräume in Wolfsburg oder Jerichow, Durchgangsstationen einer unwirt­lichen Moderne, durch die sich Menschen wie Zombies einer entfremdeten Gegenwart bewegen. Gespensterreiche, aufgeladen mit den sprechenden Requisiten einer gleichgeschalteten Konsumwelt. Im...