Genug ist nicht genug
Gleich in der ersten Einstellung von Lola Randls Debütfilm «Die Besucherin» überfährt Agnes einen Mann, der ihr offenbar von seinem Balkon direkt vors Auto gesprungen ist. Die Sachlichkeit, mit dem sie dem durchaus mitfühlenden Polizisten Rede und Antwort steht, ist beängstigend.
Agnes ist fremd, eine Besucherin in ihrem eigenen Leben, eingesperrt in Routine wie die Kakerlake, die im von ihrer Tochter als buntes Wohnzimmer ausgemalten Schuhkarton die Wände hochkrabbelt.
Immer wieder sieht man sie im Auto, einem potenziellen Fluchtvehikel, das sie doch nur von A (Zuhause) nach B (Arbeit) bringt. Und irgendwann nach C, in eine verlassene Wohnung, deren Schlüssel ihr die ganz anders gestrickte, blind ihren Impulsen folgende Schwester Carola (Jule Böwe) zugesteckt hatte, die, statt dort auftragsgemäß Blumen zu gießen, mal wieder spontan aufbrach, nach Andalusien, zu einem Lover. Die leere Wohnung mit den verdorrten Blumen, dem toten Wellensittich wird ein unheimliches Refugium für Agnes. Sie fädelt sich ein ins Leben der unbekannten Bewohner, hört den Anrufbeantworter ab, stöbert in Briefen, liest Bücher an den Stellen weiter, wo das Lesezeichen hängt. Kommt den fremden Leben auf die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
Natural born Performer - Samuel Finzi im Porträt
Wenn Christoph Schlingensief in Wien auftrat, ob mit einer Aktion wie «Ausländer raus!» vor der Oper oder mit Projekten wie «Bambiland» oder «Area 7» im Burgtheater, erwachte die Stadt für kurze Zeit aus ihrem restaurativen Schlummer.
«Provokation!», rief es und «Was will der denn schon wieder!». Journalisten und Leserbriefschreiber suchten in den Projekten nach...
Ein Netz aus Wogen türmt und senkt sich: Schwere See im Theater Freiburg. Am schwarzen Himmel schwebt Ariel ein. Der Luftgeist zetert, zerrt vier Schiffbrüchige aus den Wellen, befördert das Quartett mit einem Tritt an Land. Auf Prosperos von unten illuminierter Zauberinsel stranden: König Alonso von Neapel (Ullo von Peinen), sein Bruder Sebastian (Albert Friedl),...
Nicht, dass wir die Vielfalt männlicher Ausdrucksformen bisher unterschätzt hätten: Hochfrequentiges Beckenkreisen, unterhaltsame Muskelspiele am Waschbrettbauch oder auch die Präsentation irisierender Boxershorts gehören zum gern gesehenen Basisrepertoire auf Theaterbühnen. Den Macho-Posen-Katalog für Fortgeschrittene allerdings, den Monika Gintersdorfer und Knut...
