Klavier in Plastik
Der D 274 ist nicht irgendeiner, es ist der Steinway an sich und in etwa genau so eindrucksvoll, wie man sich eine abweisende Diva vorstellen muss. In Heidelberg, wo die aus Georgien stammende Nino Haratischwili ihr «Liv Stein» jetzt selbst zur Uraufführung gebracht hat, steht der Konzertflügel wie ein Kunstobjekt auf einem Sockel, ist allerdings mit einer dicken Plastikfolie abgedeckt. Davor streckt sich ein langer Tisch, und man versteht: Hier hat eine Frau eine Barriere zwischen sich und die Welt gebaut, weil da dummerweise diese Vergangenheit ist.
Liv Stein hatte einen Sohn, den sie in ein Internat gab, während sie selbst ihre Karriere als Konzertpianistin vorantrieb. Dann starb er an einem Hirntumor und ließ sie allein mit Schuldgefühlen zurück. Dass der Gatte, ein minder begabter Flötist, sich da auch noch eine jüngere Frau anlachte, war nicht unbedingt hilfreich und führt dazu, dass Heidelbergs Liv gleich im ersten Bild überaus deutlich macht, wie man sich Isolation vorzustellen hat. Simone Mende steht mit dem Rücken zum Publikum und ist eine eisige Ikone. Dann kommt Lore, die angeblich «nur» Meisterschülerin sein will. Dass die kühle Pianodiva sich auf das begabte Gör ...
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