Frühgeburten, Vorläufer, Puzzleteile
Wer früher stirbt, ist nicht nur länger tot, sondern muss sich auch häufiger wiederentdecken lassen. Nun haben gleich zwei deutsche Theater Frühwerke von Bernard-Marie Koltès für Erstaufführungen aus der Vergessenheit auf die Bühne geholt. In seinen Zwanzigern hatte sich der französische Dichter und Theatermacher mit den großen Antihelden der europäischen Theater- und Romantradition beschäftigt, die als Folie für künftige eigene Figuren dienen sollten.
Zwei Studien – von Stücken kann man kaum sprechen – sind daraus entstanden, die sich Shakespeares «Hamlet» und Dostojewskis «Verbrechen und Strafe» zur Vorlage genommen haben. Radikal entkernt kommen beide Texte daher, die François Smesny trefflich ins Deutsche übertragen hat. Mit postdramatischem Ansatz hat Koltès in ihnen Sprachflächen konstruiert, die Bezüge manipuliert und die Essenz der Originale als Spielmaterial genutzt, um die Möglichkeiten der fremden und eigenen Poesie auszuloten.
In «Hamlet. Tag der Morde» (1974) hat er alle Nebenfiguren gestrichen und das Geschehen auf ein familiäres Fegefeuer der Eitelkeiten reduziert: Claudius, Gertrud, Ophelia und Hamlet üben den Generationenkonflikt, am Ende sind sie alle tot. Bei ...
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