Frühgeburten, Vorläufer, Puzzleteile

Bernard-Marie Koltès mit zwei deutschsprachigen Erstaufführungen früher Stücke zurück auf deutschen Bühnen: «Trunkener Prozess» in Kassel, «Hamlet. Tag der Morde» in Stuttgart

Theater heute - Logo

Wer früher stirbt, ist nicht nur länger tot, sondern muss sich auch häufiger wiederentdecken lassen. Nun haben gleich zwei deutsche Theater Frühwerke von Bernard-Marie Koltès für Erstaufführungen aus der Vergessenheit auf die Bühne geholt. In seinen Zwanzigern hatte sich der französische Dichter und Theatermacher mit den großen Antihelden der europäischen Theater- und Romantradition beschäftigt, die als Folie für künftige eigene Figuren dienen sollten.

Zwei Studien – von Stücken kann man kaum sprechen – sind daraus entstanden, die sich Shakespeares «Hamlet» und Dostojewskis «Verbrechen und Strafe» zur Vorlage genommen haben. Radikal entkernt kommen beide Texte daher, die François Smesny trefflich ins Deutsche übertragen hat. Mit postdramatischem Ansatz hat Koltès in ihnen Sprachflächen konstruiert, die Bezüge manipuliert und die Essenz der Originale als Spielmaterial genutzt, um die Möglichkeiten der fremden und eigenen Poesie auszuloten.

In «Hamlet. Tag der Morde» (1974) hat er alle Nebenfiguren gestrichen und das Geschehen auf ein familiäres Fegefeuer der Eitelkeiten reduziert: Claudius, Gertrud, Ophelia und Hamlet üben den Generationenkonflikt, am Ende sind sie alle tot. Bei ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Dezember 2008
Rubrik: Aufführungen, Seite 27
von Kristin Becker

Vergriffen
Weitere Beiträge
Knopf im Ohr

Peter Zadek, 82, hat Hörprobleme, wie er im Gespräch mit Ascan Gossler von der Hörgeräte-Firma «oticon» darlegt: «Für Menschen mit Hörminderungen verwandelt sich ein Theaterraum leicht in eine große Arena, in der die akustische Orientierung eine Herausforderung darstellt. Ich hatte das Gefühl, mich immer stärker anstrengen zu müssen, um der Kommunikation folgen zu...

Schlusskonferenz oder Der Rest ist Schreiben

Zeit: 27. Oktober 2008, der Montag nach der Premiere
Ort: Die Feuilleton-Titelseiten

Stimmen:
MODERATOR
Matthias HEINE («Endlich mal wieder Strumpfhosen», Die Welt)
Ralf-Carl LANGHALS («Wunder gibt es immer wieder», Mannheimer Morgen)
Peter MICHALZIK («Best of Germany», Frankfurter Rundschau)
Roland MÜLLER («Demut, dein Name ist Schmidt», Stuttgarter Zeitung)
Christopher...

Dea Loher: «Unschuld»

Die derzeitige Krise des Kapitalismus wird – fürchte ich – keine kathartische Wirkung haben, keine Besinnung auf neue Werte oder politische Utopien nach sich ziehen. Da können Theologen prophezeien, dass die Tage der egomanen Geldgier gezählt sind, Feuilletonisten zur Kontrolle der Weltwirtschaftsregeln aufrufen, die Theater Stücke auf den Spielplan rufen, die...