Die Gretchenfrage
Ich komme aus dem Urlaub, sie kommen aus dem Krieg. Sie haben ein Leben aufgegeben, um leben zu können. Einer der vielen Polizisten am Bahnsteig weist mir den Weg an den Flüchtlingen vorbei: «In den Mob wollen Sie nicht hineingeraten, glauben Sie mir!» Ich sehe keinen Mob. 500 erschöpfte Menschen, aussortiert nach Augenschein, befolgen geduldig wortlose Anweisungen in der Hoffnung, ihnen möge endlich etwas Besseres widerfahren als das, vor dem sie geflohen sind. Ihnen gegenüber Wartende, Gaffer und Reporter.
In gespenstischer Stille filmen die Wartenden mit ihren Handys die Wanderer, das Bild morpht zwischen Geleit und Deportation. Willkommensrufe und Jubelschilder bleiben nach 50.000 Ankömmlingen aus; die anfängliche Emphase ist einer klammen Ernsthaftigkeit gewichen. Es sind viele, zu viele. Die Stadt München kann die Registrierung nicht mehr bewältigen und kaum noch Schutzraum erschließen. Die Helfer schwitzen und strahlen, die persönlich abgegebenen Hilfsgüter stapeln sich, Mitbürger suchen das Gespräch auch in den Lagern, Facebook quietscht vor Engagement.
Deutschland will sich verantwortungsbewusst zeigen. Es ist sich nur nicht einig, wie und wem gegenüber. ...
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Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Foyer, Seite 1
von Wiebke Puls
Im zwölften Jahrhundert wurde die traurige Geschichte von Tristan und Isolde von Dichtern in Frankreich, England und Deutschland erzählt. Mit ihren Motiven wurden Pokale und Bücher bemalt, Holzkästchen und Elfenbeintafeln beschnitzt. Es war ein höfisches Märchen, das die ehebrecherischen Eskapaden mit interessierter Distanz betrachtete. Die Romantik entdeckte das...
Dass ihm immer noch der Ruf des Regie-Berserkers vorauseilen würde, kann man nicht behaupten. Zu lange ist es her, dass er Opernliebhaber mit halbnackten Statistinnen auf Kühlerhauben erschrecken wollte. Inzwischen inszeniert Calixto Bieito wieder auf deutschen Schauspielbühnen, und da gelten ganz andere Regeln. Wer hier für Aufregung sorgen wollte, müsste sehr...
Aufs Liebevollste wurde das Gutshaus von den Werkstätten mit Patina versehen. Das pittoresk heruntergekommene Landhaus von Zsolt Khell mit fleckigen Gardinen, altem Kinderspielzeug und 60er-Jahre-Sesseln ist nur noch ein Symbol vergangener Erinnerungen, zu groß, sperrig und uneffizient für die Gegenwart – und so staubig, dass fast der Niesreiz in die Nase steigt.
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