Geschlossene Gesellschaft
Im zwölften Jahrhundert wurde die traurige Geschichte von Tristan und Isolde von Dichtern in Frankreich, England und Deutschland erzählt. Mit ihren Motiven wurden Pokale und Bücher bemalt, Holzkästchen und Elfenbeintafeln beschnitzt. Es war ein höfisches Märchen, das die ehebrecherischen Eskapaden mit interessierter Distanz betrachtete. Die Romantik entdeckte das Mittelalter neu und nahm die alten Geschichten furchtbar ernst. Das bürgerliche Individuum las aus dem ungeeigneten Objekt die Tragödie seiner Einschränkung heraus.
Richard Wagners Oper bedeutete die totale Entgrenzung: Ein Paar geht lieber in den Tod, als die Unmöglichkeit seiner Liebe in dieser Welt zu akzeptieren. Und ebenso radikal brach die Musik mit allem, was für Melodie, Rhythmus, Struktur und Harmonie europäischer Musik im Lehrbuch stand. Diese Klänge öffneten eine neue Welt unerhörten Farbenreichtums, unendlicher Melodie und narkotischen Rauschs. Als «Tristan und Isolde» 1865 dank des wie ein Deus ex machina erschienenen jungen Königs Ludwig endlich in München uraufgeführt wurde, befürchtete der Komponist, bei einer guten Aufführung könnten die Menschen verrückt werden. Was zuerst da war, der musikalische Exzess ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Oktober 2015
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Bernd Feuchtner
Am Anfang ist es so schlimm wie am Ende. Oder umgekehrt. Denn indem Anna Bergmann in ihrer Karlsruher Inszenierung von Tschechows «Drei Schwestern» zu Beginn des Abends erstmal den Schluss zeigt – Baron Tusenbach sinkt erschossen nieder –, will sie uns sagen, dass über die ganze nun folgende Geschichte das Urteil längst gefällt ist: Der Untergang ist...
Dass ihm immer noch der Ruf des Regie-Berserkers vorauseilen würde, kann man nicht behaupten. Zu lange ist es her, dass er Opernliebhaber mit halbnackten Statistinnen auf Kühlerhauben erschrecken wollte. Inzwischen inszeniert Calixto Bieito wieder auf deutschen Schauspielbühnen, und da gelten ganz andere Regeln. Wer hier für Aufregung sorgen wollte, müsste sehr...
Aufs Liebevollste wurde das Gutshaus von den Werkstätten mit Patina versehen. Das pittoresk heruntergekommene Landhaus von Zsolt Khell mit fleckigen Gardinen, altem Kinderspielzeug und 60er-Jahre-Sesseln ist nur noch ein Symbol vergangener Erinnerungen, zu groß, sperrig und uneffizient für die Gegenwart – und so staubig, dass fast der Niesreiz in die Nase steigt.
K...
