Die Frage des Hirnficks

Glauben oder provozieren? Signas «Das Heuvolk» und Oliver Frljics «Second Exile» bei den Mannheimer Schillertagen

Bei Signa denkt man eigentlich nicht an Schiller. Also nicht an das Lichte und Bildsame, an die Ermutigung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, die sich auch im diesjährigen Motto der Mannheimer Schillertage widerspiegelte («Nach der Frei­heit / ist vor der Freiheit»). Signa halten es eher mit den Hinterzimmern der Vernunft.

In ihren hypertrophen Nachtschatten-Installationen regiert der Wille zum Abgründigen: «Spuck den Kognak in den Bauchnabel! Reinige den Bauchnabel!», wird der Zuschauer in «Das Heuvolk» von einer halb entblößten Frau eingeladen, die eigenen Moral- und Geschmacksgrenzen im Dienste eines radikalkünstlerischen Rituals zu übertreten. Signa – das ist eher eine Mischung aus Franz Kafka und Charles Bukowski – mit Altersempfehlung (ab 16 Jahren).

Für die Mannheimer Schillertage haben die dänisch-österreichischen Installationstheater-Visionäre in mehrmonatiger Vorbereitungszeit die ehemalige US-amerikanische Benjamin-Franklin-Kaserne (die demnächst ein Wohn­gebiet wird) umgerüstet: zum Domizil für die Sekte der «Himmelsfahrer». Sektengründer Jake Wolcott ist laut Fiktion Anfang des Jahres 2017 an Leukämie verstorben. Hinterlassen hat er eine Reihe apokalyptischer ...

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Theater heute August/September 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Christian Rakow

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