Die Frage des Hirnficks
Bei Signa denkt man eigentlich nicht an Schiller. Also nicht an das Lichte und Bildsame, an die Ermutigung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, die sich auch im diesjährigen Motto der Mannheimer Schillertage widerspiegelte («Nach der Freiheit / ist vor der Freiheit»). Signa halten es eher mit den Hinterzimmern der Vernunft.
In ihren hypertrophen Nachtschatten-Installationen regiert der Wille zum Abgründigen: «Spuck den Kognak in den Bauchnabel! Reinige den Bauchnabel!», wird der Zuschauer in «Das Heuvolk» von einer halb entblößten Frau eingeladen, die eigenen Moral- und Geschmacksgrenzen im Dienste eines radikalkünstlerischen Rituals zu übertreten. Signa – das ist eher eine Mischung aus Franz Kafka und Charles Bukowski – mit Altersempfehlung (ab 16 Jahren).
Für die Mannheimer Schillertage haben die dänisch-österreichischen Installationstheater-Visionäre in mehrmonatiger Vorbereitungszeit die ehemalige US-amerikanische Benjamin-Franklin-Kaserne (die demnächst ein Wohngebiet wird) umgerüstet: zum Domizil für die Sekte der «Himmelsfahrer». Sektengründer Jake Wolcott ist laut Fiktion Anfang des Jahres 2017 an Leukämie verstorben. Hinterlassen hat er eine Reihe apokalyptischer ...
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Theater heute August/September 2017
Rubrik: Aufführungen, Seite 28
von Christian Rakow
Man muss sich die Bilder nochmal vor Augen halten: Jahrelang stand an Montagen «das Volk» zu Tausenden auf diesem Platz zwischen Semperoper, Zwinger und Elbe und skandierte rechte Parolen, putschte sich selber in seinem Fremdenhass auf, schürte Angst, schwenkte Fahnen und schmähte alles, was seiner Ansicht nach nicht (richtig) deutsch ist. Pegida und dann die AfD...
Es gibt ein paar altertümliche Fragen, mit denen man den meisten Beteiligten des Kunstgeschäfts besser nicht kommt, will man sich eine arrogante Antwort ersparen. Zum Beispiel, was eigentlich der Sinn von Kunst ist? Oder was sie bezwecken soll? Vor allem aber die Frage, wie unterscheidet sich Kunst von Wirklichkeit? Gibt es überhaupt noch Grenzen, nach denen sich...
In diesem Jahr erschien endlich auf Deutsch Miroslav Krlezas Mammutroman «Die Fahnen», der auf über 3000 Seiten und am Beispiel Kroatiens minutiös und detailreich ein Panorama der geistesgeschichtlichen und politischen Situation Europas zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnet. Kurz und bündig ist die eben nicht zu erzählen, vor allem nicht, wenn es um die...
