Dem Mythos entkommen
Amir Gudarzi kritisiert das verbreitete Bedürfnis, seine Werke mit der Herkunft ihres Autors erklären zu wollen und die Nationalitäten, die ihm daraufhin zugeschrieben werden: «der iranische Dramatiker», «der iranisch-österreichische Autor», «der talentierte Exildramatiker», «der Exil-Iraner», «der österreichische Autor». Tatsächlich gibt es kaum etwas, das weniger über sein Schreiben aussagen könnte als ein bestimmter nationalstaatlicher Bezug. Gudarzi schildert eine Welt, in der jedes noch so regionale Detail in komplexe globale Zusammenhänge eingebunden ist.
Er verknüpft das Weit-entfernt-Liegende mit dem ganz Nahen und das Zukünftige mit dem Vergangenen. Er löst die Chronologie der Ereignisse in einem Netz historischer Wechselwirkungen auf, spannt den Handlungsfaden über weite Zusammenhänge, die von den einzelnen Figuren kaum zu durchschauen, geschweige denn zu steuern sind, und stellt ihnen mit gleichberechtigter Stimme Berge, Flüsse, längst verstorbene Persönlichkeiten oder mythologische Gestalten zur Seite.
Wenn Gudarzi nationalstaatliche oder religiöse Narrative zum Thema macht, konfrontiert er sie mit den globalen historischen Zusammenhängen, in die sie verstrickt sind, ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Neue Stücke, Seite 150
von Franziska Betz
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Wenn du mit mir reden könntest, was würdest du sagen?», fragt Nicola ihren Freund Christof zu Beginn des Stücks. Christof ist Anfang Zwanzig, an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt und liegt im Sterben. Ein letztes Mal möchte Nicola mit ihm einen Tag verbringen – so wie früher, als er noch gesund war. Sie nimmt ihn mit auf eine imaginäre Reise an jene Orte, die ihnen...
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