Dem Mythos entkommen

Amir Gudarzi «Als die Menschen Götter waren»

Theater heute - Logo

Amir Gudarzi kritisiert das verbreitete Bedürfnis, seine Werke mit der Herkunft ihres Autors erklären zu wollen und die Nationalitäten, die ihm daraufhin zugeschrieben werden: «der iranische Dramatiker», «der iranisch-österreichische Autor», «der talentierte Exildramatiker», «der Exil-Iraner», «der österreichische Autor». Tatsächlich gibt es kaum etwas, das weniger über sein Schreiben aussagen könnte als ein bestimmter nationalstaatlicher Bezug. Gudarzi schildert eine Welt, in der jedes noch so regionale Detail in komplexe globale Zusammenhänge eingebunden ist.

Er verknüpft das Weit-entfernt-Liegende mit dem ganz Nahen und das Zukünftige mit dem Vergangenen. Er löst die Chronologie der Ereignisse in einem Netz historischer Wechselwirkungen auf, spannt den Handlungsfaden über weite Zusammenhänge, die von den einzelnen Figuren kaum zu durchschauen, geschweige denn zu steuern sind, und stellt ihnen mit gleichberechtigter Stimme Berge, Flüsse, längst verstorbene Persönlichkeiten oder mythologische Gestalten zur Seite.

Wenn Gudarzi nationalstaatliche oder religiöse Narrative zum Thema macht, konfrontiert er sie mit den globalen historischen Zusammenhängen, in die sie verstrickt sind, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Neue Stücke, Seite 150
von Franziska Betz

Weitere Beiträge
Die Schlupfwinkelfinderin

Derzeit steht sie in Stuttgart in Shakespeares «Der Sturm» auf der Bühne: als Miranda, Tochter des Prospero, neben André Jung. Camille Dombrowsky, 26 Jahre alt, spielt Miranda als selbstbewusste, schlagfertige, emanzipierte junge Frau. Natürlich reißt sie dem heißbegehrten jungen Prinzen Ferdinand die Kleidung vom Leib – und nicht umgekehrt. Dombrowsky hat sich...

Theatrale Ausnahmezustände

Und natürlich könnte ich hier jetzt mit großer Geste die Utopie eines Theaters des Verzichts proklamieren. Was braucht es denn mehr als die paar Bretter, die die Welt bedeuten, und ein paar Leute, zur Not auch Lai:innen, die sich da rauf stellen, um uns hier unten zu belustigen. Wir packen ein paar Kostüme auf den Leiterwagen und ziehen los, ganz wie in alten...

Queering the narrative

Es geht um viele erste Male in Leonie Lorena Wyss’ Stück «Blaupause»: die erste Menstruation. Die erste Zigarette. Die erste Masturbation. Das erste Mal in einem Film sehen, wie sich zwei Frauen küssen, und das erste Mal die Farbe Blau entdecken. Und fast ganz am Ende, da geht es darum, das erste Mal laut einen Satz auszusprechen: «Ich habe eine Freundin.» Bis zu...