Zwecke der Kunst

Die Sieger:innen der Saison und ihre Stoffe: über herrschende Ordnungen und ihre sonderlingshafte Unterwanderung Von Franz Wille

Theater heute - Logo

Selbstsicherheit klingt anders. «Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?», fragt Sivan Ben Yishai mit einem alten Roland-Barthes-Zitat im Untertitel ihrer «Bühnenbeschimpfung» und macht der moralischen Anstalt die Rechnung auf: die großen und kleinen Widersprüche zwischen den meist hehren Anliegen, die auf der Bühne verfochten werden, und den nicht immer ganz so hehren Kompromissen, die eine Institution verlangt, bei der man angestellt ist und meist auch bleiben will. Die kleinen oder größeren Abgründe zwischen Anspruch, Alltag und Kantine.

Die Behauptung größter künstlerischer Aufrichtigkeit und das Wissen, wann man besser trotzdem die Klappe hält. Die Rollen, die man eigentlich nicht spielen möchte und trotzdem annimmt, wenn es die Leitung wünscht. Dem zu folgen, was Sivan Ben Yishai ein «Skript» nennt, die oft nicht weiter ausgesprochenen, wenn auch gründlich verinnerlichten Regeln, Gos und No-Gos, denen man/frau besser folgt, wenn er/sie im Spiel bleiben will. Und die subtilen Mechanismen der Ausgrenzung, mit denen die Institution Theater diejenigen wieder abstößt, die sich nicht an diese Regeln halten. Plötzlich wird es einsamer in der Kantine, stiller am Handy, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 114
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Die Zeugin der Anklage

Die Idee zu «Prima Facie» kam Suzie Miller bereits während ihrer Zeit als Jurastudentin, lange bevor sie Dramatikerin wurde. Doch erst nach Jahren der Tätigkeit als Strafverteidigerin und Anwältin für Menschenrechte bot sich ihr die Gelegenheit, das Stück zu realisieren. Die #MeToo-Bewegung hatte Millers Wunsch bestärkt, eine feministische Befragung des...

Theatrale Ausnahmezustände

Und natürlich könnte ich hier jetzt mit großer Geste die Utopie eines Theaters des Verzichts proklamieren. Was braucht es denn mehr als die paar Bretter, die die Welt bedeuten, und ein paar Leute, zur Not auch Lai:innen, die sich da rauf stellen, um uns hier unten zu belustigen. Wir packen ein paar Kostüme auf den Leiterwagen und ziehen los, ganz wie in alten...

Wo bleibt der Bus zum Happy End?

Ein Nicht-Ort: eine trostlose Haltestelle, eine kaputte Ampel und ein heruntergekommener Imbiss. Natürlich mit Nieselregen. Eine beliebige Kreuzung in einer beliebigen Stadt wie, sagen wir mal, Oberhausen. Nirgendwo und überall zugleich.

Im Imbiss sitzen die drei Frauen* Luca, Carla und Linn, die sich im Maschinenraum der Psyche oder auch dem Kraftcenter der Krise...