Zwecke der Kunst
Selbstsicherheit klingt anders. «Liebe ich es nicht mehr oder liebe ich es zu sehr?», fragt Sivan Ben Yishai mit einem alten Roland-Barthes-Zitat im Untertitel ihrer «Bühnenbeschimpfung» und macht der moralischen Anstalt die Rechnung auf: die großen und kleinen Widersprüche zwischen den meist hehren Anliegen, die auf der Bühne verfochten werden, und den nicht immer ganz so hehren Kompromissen, die eine Institution verlangt, bei der man angestellt ist und meist auch bleiben will. Die kleinen oder größeren Abgründe zwischen Anspruch, Alltag und Kantine.
Die Behauptung größter künstlerischer Aufrichtigkeit und das Wissen, wann man besser trotzdem die Klappe hält. Die Rollen, die man eigentlich nicht spielen möchte und trotzdem annimmt, wenn es die Leitung wünscht. Dem zu folgen, was Sivan Ben Yishai ein «Skript» nennt, die oft nicht weiter ausgesprochenen, wenn auch gründlich verinnerlichten Regeln, Gos und No-Gos, denen man/frau besser folgt, wenn er/sie im Spiel bleiben will. Und die subtilen Mechanismen der Ausgrenzung, mit denen die Institution Theater diejenigen wieder abstößt, die sich nicht an diese Regeln halten. Plötzlich wird es einsamer in der Kantine, stiller am Handy, ...
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Theater heute Jahrbuch 2023
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 114
von Franz Wille
Seit Jahrhunderten verzichten Frauen*. Sie verzichten auf ihre Karrieren, auf ihr Essen, auf ihre Selbstbestimmung, ihr Geld, ihre Freiheiten, ihren Orgasmus. Sie verzichten, weil sie müssen, weil es ihnen von außen aufgetragen wird. Damit das Ungleichgewicht im Gleichgewicht bleibt. Damit das Patriarchat florieren und sich seine Säulen tiefer in die Erde...
Das Deutsche Theater Berlin ist das «Theater des Jahres»! 10 von ingesamt 46 Kritiker:innen gaben dem ehrwürdigen Haus in der Reinhardtstraße ihre Stimme, weit vor den beiden Zweitplatzierten Staatsschauspiel Dresden und dem Maxim Gorki Theater mit jeweils 3 Stimmen. Oder haben sie insgeheim den Intendanten geehrt, den sich nun doch noch nicht ganz in den Ruhestand...
Jetzt hat er ihn endgültig überholt, den verehrten Burgtheater-Kollegen Gert Voss: Zum dritten Mal und damit öfter als jeder andere Schauspieler seit 1989 ist Joachim Meyerhoff Schauspieler des Jahres, im Alleingang – das schaffte Gert Voss nur einmal, 1990. ’92 und ’98 teilte er sich die Ehre mit dem – von Meyerhoff nicht weniger verehrten – Ignaz Kirchner.
Natürl...
