Das Pollesch-Paradox

Was Siegerinnen und Sieger 2024 verbindet: über Lina Beckmann, Dimitrij Schaad, Karin Beiers «Anthropolis»-Projekt, Roland Schimmelpfennigs «Laios», die «Hundekot-Attacke» und andere

Theater heute - Logo

Nice Guy, wenn er so verstrubbelt durch die Wohnung schlurft, Körperspannung wie eine lockere Wäscheleine, Handy am Ohr und offenbar maximal besorgt über den Zustand seines aktuellen Gesprächspartners. Gerade ist er Stefan, später auch Paul, Claudia und gegen Ende, als erzählender Mitspieler, endlich auch Fabian. Hinrichs spielt sie alle – und alle gleich. In René Polleschs «ja nichts ist ok»-WG, der schon wegen der Mietpreise keiner entkommen kann, leben sie zu viert. Und genau darin liegt das Problem.

Einerseits gehen sich die kollektiv-singulären Mitbewohner:innen mächtig auf die Nerven, andererseits halten sie es ohne einander auch nicht aus.

Also durchleiden die Thirty- bis Fortysomethings Stefan/Paul/ Claudia/Fabian eine tiefgreifende Existenz-Unzufriedenheit auf allerdings keineswegs beunruhigendem, technisch hochstehendem Niveau – der WG-Kühlschrank kann sogar sprechen, selbst wenn er gefährlich nach Alexa klingt. Die Kriege in der Ukraine und in Gaza kommen natürlich auch vor – im dauerlaufenden Flat-TV. Nachhaltigkeit ist Thema, während sich die Amazon-Pakete im Wohnzimmer turmhoch stapeln. Also angemessen entwickeltes Weltkrisenbewusstsein bei eher entspanntem, ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Theater-heute-Artikel online lesen
  • Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 36
von Franz Wille

Weitere Beiträge
Wir, die menschlichen Leute

Der Kapitalismus ist ein System von Abhängigkeiten, die von innen nach außen, von außen nach innen, von oben nach unten und von unten nach oben gehen. Alles ist abhängig, alles ist gefesselt. «Kapitalismus ist ein Zustand der Welt und der Seele», heißt es in dem allzu bekannten Zitat von Franz Kafka. Selma Kay Matter zeigt dieses System als ein kompliziert...

Die Zeit läuft aus dem Ruder

Angst bildet die Seelenwirklichkeit der mittleren Lagen in unserer Gesellschaft … In Begriffen der Angst fühlt sich die Gesellschaft selbst den Puls» – es ist schon einige Jahr her, dass der Soziologe Heinz Bude mit solchen Sätzen aus seinem Buch «Gesellschaft der Angst» in der interessierten Öffentlichkeit für Aufsehen sorgte. Im Licht der jüngeren Wahlergebnisse...

Hier ist nur sicher, dass nichts sicher ist

Sie ist schon da, als sich die Türen des Zuschauerraums öffnen. Sie streift, während das Publikum jetzt langsam hereinkommt, an der Rückwand des leeren Bühnenhauses entlang, sie streift hin und her, kaum zu erkennen im Halbdunkel, scheinbar ruhelos – und doch hochkonzentriert. An den hohen Wänden verlaufene schwarz-graue Tusche, irgendwo auf der Bühne ein Haufen...