Das Pollesch-Paradox
Nice Guy, wenn er so verstrubbelt durch die Wohnung schlurft, Körperspannung wie eine lockere Wäscheleine, Handy am Ohr und offenbar maximal besorgt über den Zustand seines aktuellen Gesprächspartners. Gerade ist er Stefan, später auch Paul, Claudia und gegen Ende, als erzählender Mitspieler, endlich auch Fabian. Hinrichs spielt sie alle – und alle gleich. In René Polleschs «ja nichts ist ok»-WG, der schon wegen der Mietpreise keiner entkommen kann, leben sie zu viert. Und genau darin liegt das Problem.
Einerseits gehen sich die kollektiv-singulären Mitbewohner:innen mächtig auf die Nerven, andererseits halten sie es ohne einander auch nicht aus.
Also durchleiden die Thirty- bis Fortysomethings Stefan/Paul/ Claudia/Fabian eine tiefgreifende Existenz-Unzufriedenheit auf allerdings keineswegs beunruhigendem, technisch hochstehendem Niveau – der WG-Kühlschrank kann sogar sprechen, selbst wenn er gefährlich nach Alexa klingt. Die Kriege in der Ukraine und in Gaza kommen natürlich auch vor – im dauerlaufenden Flat-TV. Nachhaltigkeit ist Thema, während sich die Amazon-Pakete im Wohnzimmer turmhoch stapeln. Also angemessen entwickeltes Weltkrisenbewusstsein bei eher entspanntem, ...
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Theater heute Jahrbuch 2024
Rubrik: Höhepunkte der Spielzeit, Seite 36
von Franz Wille
Es geht mir um Text, der gesprochen wird, Text, der verkörpert wird, durchaus auch mal um Text, der geschrien werden muss, denn einiges drängt so aggressiv nach vorne, dass ihm gemäßigte Verlautbarung nicht genügt. Dramatik ist die literarische Gattung, die Gestalt annimmt, nämlich durch die Begegnung mit anderen künstlerischen Disziplinen: Regie, Schauspiel,...
Früher bedeckten mich meine Triggerpunkte wie eine zweite Haut. Man hätte sie benutzen können, um einen hochauflösenden Wut-Avatar von mir zu erstellen und auf den Cyberspace loszulassen. Virtuelle Verwüstung wäre garantiert gewesen. Mit kleinen Abstrichen galt das auch im richtigen Leben, und wenn ich richtiges Leben sage, meine ich natürlich die Kunst.
Im Theater...
Wann haben Sie sich zuletzt so richtig geärgert, und warum? Die Frage trifft. Ich fühle mich ertappt und gehe im Geiste die Situationen durch, in denen ich zur Beute dieses ungeliebten und unattraktiven Gefühls geworden bin, frage mich, ob ich mich zu oft geärgert habe in letzter Zeit, vielleicht auch zu sehr und womöglich aus zu geringem Anlass? Ich frage mich...
