Das Phantom des Theaters
Gaston Salvatore war eine imposante Erscheinung, ein Mann mit einer leicht gewellten Matten-Mähne, lange schwarz, später dann grau, die sein Haupt wehrhaft wie ein Helm umgab. Natürlich steckte ein weicher, musischer Kern im Kerl, das musste jedoch nicht jeder gleich merken. Und so groß, wie er auf Fotos wirkte, war er in Wirklichkeit auch nicht.
Die ersten veröffentlichten Bilder zeigen ihn kampfbewusst an der Seite von Rudi Dutschke in den APO-Demonstrationen Ende der Sechziger; er wirkt dennoch wie ein gleißendes Irrlicht, ein eleganter Revoluzzer im schwarzen Dress neben den Lederjacken- und Parka-Studenten. Dieses etwas fremdartige Phänomen stammte aus Chile, war italienisch-spanisch-englischer Herkunft und sehr weit entfernter Verwandter des 1973 ermordeten chilenischen Präsidenten Allende. So etwas gab es seinerzeit selten im Land der Gastarbeiter.
Der 1941 geborene Salvatore hatte nach einer großbürgerlichen Erziehung in Chile Jura studiert und kurzzeitig als Provinzanwalt gearbeitet, bevor ihn Stipendien u. a. von der Konrad Adenauer Stiftung (!) 1965 nach Deutschland verführten. In Berlin geriet er in Uni-Streiks und an Dutschke und wurde so etwas wie eine Ikone der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Februar 2016
Rubrik: Nachruf, Seite 63
von Michael Merschmeier
Pläne der Redaktion
Neues von Philippe Quesne:
Er leitet seit zwei Jahren das Theatre Nanterre-Amandiers und bringt seine neue Inszenie-rung «Caspar Western Friedrich» an den Münchner Kammerspielen heraus
Dimitrij Schaad ist ein «Masterpiece of Integration» – das sagt er auch selbst.
Ein Porträt
Auch im New Yorker Meltingpot ist Integration keine einfache Sache,...
Okay, im Deutschen Schauspielhaus Hamburg wird keine Bombe geworfen. In Federico Fellinis Porträt einer dem Untergang geweihten Schiffsgesellschaft «E la nave va» (1983) dagegen schon. Dort schleudert sie am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein serbischer Jugendlicher, der mit mehreren Dutzend gerade erst aus Seenot geretteten Leidensgenossen nach dramatischen...
Neue Stücke
«Ich weiß nicht, ob er je eine Inszenierung von mir wirklich geliebt hat – mich hat er ja meistens beschimpft!» Claus Peymann macht’s gleichwohl noch einmal und inszeniert
an der Wiener Burg die Uraufführung von Peter Handkes «Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße». Protagonist «Ich» begegnet darin auf einer Landstraße allerlei...
