Cry me a river
Magdalena Schrefel hat in ihrem neuen Schauspiel einen ganz und gar sonderbaren Ort erfunden: eine rätselhafte Institution, in der das vielleicht Flüchtigste überhaupt aufbewahrt, katalogisiert, beschlagwortet und in eine konsistente Ordnung gebracht werden soll – ein Archiv der Tränen. Einem ersten Impuls folgend möchte man wohl von einer gleich doppelten Unmöglichkeit eines solchen Tränenarchivs sprechen, denn sowohl in Quantität als auch Qualität scheinen Tränen ein durch und durch unmögliches Archivale, ein unmöglich zu archivierendes Objekt zu sein.
Unermesslich in der Zahl und flüchtig in ihrer Form finden sie sich gerade nicht in Nachlässen, Konvoluten, Aktenbeständen, nicht auf Dachböden oder von Archäolog: -innen nach Jahrhunderten ausgegraben. Sie werden geweint und verschwinden, bleiben nicht zurück als Spur erlebter Erfahrung oder vergangener Zeit.
Doch genau dieser Unmöglichkeit hat sich Schrefels Tränenarchiv verschrieben. Denn das Unmögliche ist hier möglich, an diesem Ort in einer nicht näher bestimmten Stadt, der wie aus der Zeit gefallen wirkt. Hier gibt es noch Karteikästen und Zettelkataloge, das Telefon ist kabelgebunden, und hin und wieder springt ratternd ...
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Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 160
von Ewald Palmetshofer
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