Systemversagen nach Büchner
Maria Milisavljevics Hauptfigur Kathrin ist Pflegekraft in einem Al - tenheim. Sie trägt nicht nur die Verantwortung für die Bewohner:innen des Heimes, sie spürt sie auch – Tag und Nacht, seit Jahren. Ihre eigenen Bedürfnisse vernachlässigt sie schon lange. Bis zur Selbstaufgabe wäscht und wendet sie die alten Menschen und nimmt sich Zeit, wo diese fehlt. Getrieben von einer Chefin, die die Minuten pro Patient:in zählt, hastet Kathrin in einem unmenschlich gewordenen Pflege -system im Wettlauf gegen die Uhr.
Die Ängste der Bewohner:innen haben ebenso wenig Platz im Tages- und Nachtablauf wie Kathrins Sorgen, dem allen gerecht zu werden. Selbst ihre Tochter, die ihr Geld in einem Schweinemastbetrieb verdient, beäugt mit Verachtung die Aufopferung der Mutter. Sie versteht weder, dass die Mutter sich immer wieder für wildfremde Menschen und gegen die Familie entscheidet, noch dass sie das menschenverachtende System der Pflege damit unterstützt. Als alleinerziehende Mutter ist Kathrin der Prototyp der permanent überlasteten und von den eigenen Ansprüchen enttäuschten modernen Frau.
Kathrins Fluchtort ist der Friedhof, dort spricht sie mit verstorbenen Heimbewohner:innen – und selbst ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Theater heute? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Theater-heute-Artikel online lesen
- Zugang zur Theater-heute-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Theater heute
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Theater heute Jahrbuch 2022
Rubrik: Neue Stücke, Seite 157
von Barbara Bily
Ich bemerke, dass sich eine Menge bewegt und verändert in den Theatertankern des deutschen Stadttheaters. Institutionell und künstlerisch.
Themen, die lange keine Rolle spielten, ebenso wie neue, alternative Beschreibungen von Geschichte und Gesellschaftsverhältnissen bestimmen die Spielpläne der Stadttheater genauso wie die Werbeplakate der Industrie. Menschen,...
Magdalena Schrefel hat in ihrem neuen Schauspiel einen ganz und gar sonderbaren Ort erfunden: eine rätselhafte Institution, in der das vielleicht Flüchtigste überhaupt aufbewahrt, katalogisiert, beschlagwortet und in eine konsistente Ordnung gebracht werden soll – ein Archiv der Tränen. Einem ersten Impuls folgend möchte man wohl von einer gleich doppelten...
Die Nachricht, dass ich für «Theater heute» etwas schreiben soll, kommt mir sehr willkommen nach drei Tagen Kostümabgabe-Kampf mit den Italienern, die mich halb verstehen oder so tun, als ob sie mich nicht verstehen würden. Ich habe eine junge Assistentin dabei. Sie möchte Kostümdesign studieren. Ich frage sie, warum? Seit Kurzem habe ich meine übertriebene Sucht...
