Bilder des Wahns
Nathanael huscht die graue Wendeltreppe hinauf. Coppelius kommt, der unheimliche Freund seines Vaters, und die Kinder müssen verschwinden, ins Bett. Wo Nathanael dann hellwach liegt und lauscht. Doch ist es wirklich Coppelius, diese düstere Schreckensgestalt, die später am Tod seines Vaters beteiligt sein wird? Oder nicht vielmehr, wie dem Jungen seine Amme zuraunt, der Sandmann, der den Kindern, die nicht schlafen wollen, händeweise Sand in die Augen streut, bis diese blutig herausfallen und er sie seinem Nachwuchs verfüttern kann?
In dieser Kindheitswelt, das wird in E.T.A.
Hoffmanns Erzählung ebenso wie in Lilja Rupprechts Inszenierung rasch klar, ist nichts so, wie es scheint. Protagonist Nathanael beobachtet aufmerksam, was die Erwachsenen so treiben – und macht sich, zwischen dem Schweigen der Eltern und den Schauergeschichten der Amme, seinen eigenen Reim darauf. In ihrer Inszenierung im Großen Haus des Schauspiel Frankfurt taucht Rupprecht ab in die wahnhafte Wahrnehmung Nathanaels, der in seinem Studienort auf einen Mann trifft, den er für Coppelius hält – und prompt zurückgeworfen wird in seine Kindheitsängste.
Mitja Over spielt diesen Nathanael mit berührender ...
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Theater heute Juli 2025
Rubrik: Chronik, Seite 60
von Esther Boldt
Niemand hätte von ausgerechnet ihm erwartet, dass er stirbt. Er hat es selbst gesagt: Ich war schon immer so, so bleib ich. In seinem Fall ist der Reim eine Fügung: Wer schreibt, der bleibt, und Trolle, der ziemlich lang dabeigewesen war, wird bis in eine Zukunft bleiben, die niemand von uns absehen kann, solange Schrift und Theater oder eins von beiden existiert....
Es ist ein fast magischer Moment: Lautlos und langsam schiebt sich etwa auf der Hälfe des Abends ein menschhoher Glaskasten aus der Unterbühne. Drinnen hängt ein raumgreifender Ast, weit verzweigt ist er und doch abhackt, in seinem Wachstum gestoppt. Surreal scheint er im Raum zu schweben in dem schwefelgelben Licht (Marius Lorenzen), das diesen erfüllt, scheint...
Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel blicken? Folgt man dem Philosophen Boris Groys, dann muss die naheliegendste Antwort auf diese Frage brüsk zurückgewiesen werden: Natürlich nicht uns selbst! Das war schon immer ein Irrtum, findet Groys, dessen Beweisführung in «Zum Kunstwerk werden» beim mythischen Narziss abspringt, um zielsicher beim Selfie zu landen....
