Im Selfie-Modus

Boris Groys’ Essay «Zum Kunstwerk werden» – mit einem von Carl Hegemanns letzten Gesprächen

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Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel blicken? Folgt man dem Philosophen Boris Groys, dann muss die naheliegendste Antwort auf diese Frage brüsk zurückgewiesen werden: Natürlich nicht uns selbst! Das war schon immer ein Irrtum, findet Groys, dessen Beweisführung in «Zum Kunstwerk werden» beim mythischen Narziss abspringt, um zielsicher beim Selfie zu landen. Narziss zu begreifen als einen beim Blick auf die Wasseroberfläche schockartig Selbst-Verliebten, wie Generationen von Psychoanalytikern vorschlugen, geht für Groys nämlich am Kern der Sache vorbei.

«Narziss ist von seinem eigenen Bild bezaubert, weil es ein ‹objektives› Bild ist und keine ‹subjektive› Fantasie», hält er dagegen. «Objektiv» heißt: Es handele sich um ein Bild, das «nicht von ihm, sondern von der Natur geschaffen wird», und «allen anderen in gleicher Weise zugänglich» ist. Das Bild ist auf dem Wasser und damit in der Welt, offen für Vergleiche und Bewertungen, Like oder Dislike. Und Narziss? Ist Objekt geworden, selbstlos. Was er im Spiegelbild sieht, ist kein Ganzes aus «Ich» und «Körper», sondern nach Griechengeschmack «schön» wie eine Blume – reine Form ohne dunklen Seelen-Anhang. Ein Kunstwerk! So weit, so ...

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Theater heute Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 70
von Janis El-Bira

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