Zwiespältig
Das Opus um einen vermeintlich mit Sehergaben ausgestatteten Vogel ist kurz nach der ersten russischen Revolution 1905 entstanden und gilt als scharfe politische Satire auf das zaristische Herrschaftssystem. Freilich geht die Oper, die Rimsky-Korsakow nach einem Märchen von Alexander Puschkin komponierte, kaum als Zeugnis einer revolutionären Gesinnung durch. «Der goldene Hahn» nimmt zwar die Unfähigkeit und Korruptheit der politischen Klasse (den Zaren eingeschlossen) aufs Korn, stellt das autokratische System aber nicht in Frage.
Das Finale mit dem ohne Herrscher ratlos zurückbleibenden Volk scheint eher nach einem starken Führer zu rufen als nach demokratischer Selbstorganisation.
Je nach Temperament und politischer Einstellung mag man aus dieser Schlusspointe eine reaktionäre Haltung oder zynischen Realismus herauslesen. Ihre Zweideutigkeit hebt die satirische Energie des Ganzen gleichsam auf. Dennoch lassen sich aus dem Stück Funken schlagen. Dass die (Amts-)Träger der Macht nur am eigenen Wohlergehen interessiert sind (Zar Dodon, seine Söhne, die Hofschranzen), ist unübersehbar. Die Macht der «Berater» offenbart sich ungeschminkt – in der Gestalt von Dodons Astrologen, der ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Ingo Dorfmüller
Dieser Tage jährte sich zum 400. Male der Todestag des Dichters aus Warwickshire, der England als Kulturnation so recht auf die Landkarte setzte. Gern wird ja angezweifelt, dass es tatsächlich dieser Handschuhmachersohn mit Namen William Shakespeare war und nicht eine der fiktiven Figuren, die im von Literaturdetektiven im Laufe der Zeit als Alternativautoren...
Giuseppe Verdi, nach dem «Falstaff» als größter lebender Komponist angesprochen, soll darauf geantwortet haben: «Lassen Sie den großen Komponisten beiseite, ich bin ein Theatermann!» Als Carlo Maria Giulini und Claudio Abbado, zwei der profiliertesten Verdi-Dirigenten ihrer Generation, «Rigoletto» (1979) respektive «Un ballo in maschera» (1980) für die Deutsche...
Die Rolle passt ihr wie ein Handschuh, sagte Jonas Kaufmann kurz vor der Münchner «Manon Lescaut»-Premiere im November 2014, nachdem Anna Netrebko die Titelpartie geschmissen hatte und Kristine Opolais für sie eingesprungen war. Opolais und Kaufmann hatten das vom Abbé Prévost literarisch und von Puccini musikalisch ausgeformte Liebespaar zuvor bereits am Royal...
