Wir sind mehr

Chemnitz leidet seit den Vorfällen im sächsischen Frühherbst 2018. Aber die Stadt wehrt sich gegen Vorurteile, gegen rechte Vereinnahmung. Mit Kunst, mit Esprit. Eine herausragende Rolle spielt dabei das Theater Chemnitz, nicht zuletzt mit einer fulminanten «Götterdämmerung»

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Zwei Tage noch bis zum heiligen Fest, und was macht der Himmel über Chemnitz? Er weint: dickkugelige Tränen. Kein Wunder, dass die Trottoirs verwaist sind; nur einige Versprengte eilen mit glühweingeröteten Wangen vorüber. Auch auf dem Theaterplatz ist jetzt, um zehn Uhr abends, keiner mehr, mit dem man man reden könnte. Ringsherum nur dickes Gemäuer, wie in Georges Rodenbachs totem Brügge.

Immerhin, im zweiten Obergeschoss des zwischen 1906 und 1909 nach Plänen von Richard Möbius erbauten Opernhauses brennt noch Licht: Sylvia Schramm-Heilfort und Claudia Müller-Kretschmer singen, begleitet von Jeffrey Goldberg, in der Reihe «Nachtcafé» Medleys, Lieder und Songs von Zarah Leander, Cole Porter, Georg Kreisler und Johann Strauß. Zur Rechten die evangelische Kirche Sankt Petri, über deren Portal die Worte «Deinen Eingang segne Gott» ins regnerische Dunkel schimmern, vis-à-vis das König Albert Museum, es beherbergt die Kunstsammlungen Chemnitz. Dort haben sie ein Banner angebracht: «Für eine tolerante, weltoffene und gewaltfreie Stadt». War anscheinend nötig.

Seit den hasserfüllten Ausschreitungen Ende August vergangenen Jahres schwelt diese Wunde, die der von rechten Kräften ...

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Opernwelt Februar 2019
Rubrik: Reportage, Seite 48
von Jürgen Otten

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