Wie man auf brüchigem Eis tanzt
Englische Puritaner sollen einst auf Jahrmärkten der Bären «Tanzen» auf glühenden Eisen verboten haben: nicht aus Mitleid mit den Tieren, sondern weil sich die Leute nicht amüsieren sollten. Robert Wilson erzählte einmal analog, dass strenggläubige Südstaatler es triftig fanden, dass Abraham Lincoln in einem Theater erschossen wurde: Ort der Lustbarkeit und Sünde, des bösen Scheins. Und lange noch konnte man von sogar musikalisch Hochkompetenten ähnliche Vorbehalte gegen den Opern-«Pomp» hören.
Theater heißt nun einmal auch: Rollen-Spiele, Masken, Verkleidungen, Verwechslungen, Sein und Schein, Identitätskrisen, soziales Schlingern – zumindest als Komödie bedrohlich real. Während die Tragödien-Katastrophen mit Schuld und Strafe, höheren Mächten erschüttern mögen, aber weniger am gesellschaftlichen Gefüge rütteln. Gerade der große Molière wurde von Klerus, Adel und Armee aufs Heftigste attackiert: als Unterminierer staatlich-bürgerlicher Stabilität.
Wurde nun der dänische Dramatiker Ludvig Holberg zum «Moliére des Nordens» ernannt, so zeugte dies über die generelle Wertschätzung hinaus von quasi subversiver Komplizenschaft: aufklärerisch kritischer Gesellschafts-Durchlüftung. ...
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Opernwelt Dezember 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Gerhard R. Koch
Frau Šlekytė, Ihr Vorname bedeutet in unserer Sprache «heiter». Ist Heiterkeit eine vorherrschende Konstante Ihres Lebens?
Das wäre sehr schön. Aber ich lebe auf diesem Planeten, der mir zusehends Sorgen bereitet. Vielleicht sagen wir es so: Es gibt verschiedene Gefühle. Heiterkeit ist eines davon.
Was löst das eine wie das andere aus? Sind das künstlerische...
Dafür, dass der Titel des neuen Stücks – «Die Mühle von Saint Pain» (englische Aussprache) – eher Leid und Schmerzen argwöhnen lässt, fängt es gar nicht so düster an im Theater Basel. Der Zuschauerraum bleibt erleuchtet. Und die fünf Figuren, die der Reihe nach erscheinen, führen derart sarkastisch-bissige Dialoge miteinander, dass man meinen könnte, eine Autorin...
Gioachino Rossinis «Otello» entstand 1816, zwischen den Erfolgsopern «Il barbiere di Siviglia» und «La Cenerentola». Mit der Prominenz von Verdis «Otello» (1887) kann das Stück heutzutage nicht mithalten, was einerseits in der kritischen Rezeption begründet liegt: Die differenzierte Handlung der Shakespeare-Grundlage werde bei Rossini banalisiert (der Komponist...
