Vom Körper her gedacht
Der ganze Körper zittert, bebt, vibriert: Brünnhilde platzt förmlich vor Energie bei ihrem ersten Auftritt. Mit lässigem Behagen prostet ihr Wotan zu, noch in sektlauniger Rückschau auf seine frisch gepaarten Wälsungenkinder befangen. Vorher hatte Sieglinde Siegmund den Wassertrunk aus ihren eigenen Händen gegeben. Der brüderliche Fremde schlürfte sie derart aus, dass man nicht die Stillung, sondern das schnelle Wachstum einer Begierde erfährt. Es sind solche vitalen Personenzeichnungen, die die Qualität von Vera Nemirovas «Ring»-Regie an der Oper Frankfurt ausmachen.
Aufregend neue interpretatorische Setzungen sind weniger zu erwarten. Der erzählerische Fluss wird sinnvoll ins Lebhafte gelenkt. Blinder Aktionismus bleibt vermieden, mehr noch zähe Statuarik. Klug ausdifferenziert zwischen Ruhe und losbrechender Erregtheit etwa das lange Zwiegespräch zwischen Wotan und Brünnhilde im zweiten Akt. Viel dramatischer als gewöhnlich das Schwanken der Walküren zwischen dem Mitleid mit Schwester Brünnhilde und der Angst vor dem zornigen Göttervater. Mit der körperlichen Einbeziehung Sieglindes in einen schmerzlichen Konflikt erhält auch die Todesverkündigung des zweiten Akts – jetzt eine ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Hans-Klaus Jungheinrich
Angesichts der landauf, landab grassierenden «Ring»-Neuinszenierungen hat es eine jede immer schwerer, sich als unverwechselbar zu annoncieren. Die jüngste Gemeinschaftsproduktion des Pfalzbaus Ludwigshafen und der Oper Halle (zugleich mit dem «Ring»-Gewinn hat diese den Verlust ihres Kindertheaters zu verbuchen) versucht’s mit dem originalen Richard-Wagner-Aus-...
Auf leerer Bühne treibt eine Insel in den charakteristischen Formen der Schweiz ziellos über den See, während im Hintergrund eine Europa-Karte funkelt: Das Schlussbild der Zürcher Neuproduktion von Rossinis «Guillaume Tell» fasst aktuelle Probleme der Schweizer Befindlichkeit in ein prägnantes Bild. In Adrian Marthalers Inszenierung sind die mythischen Ereignisse...
Das Glück ist immer woanders. Und welcher Ort würde die Ruhelosigkeit, die ständige Suche, das Unbehauste, Vorläufige besser symbolisieren als ein Flughafen? Konsequent also, dass Regisseurin Elisabeth Stöppler und Rebecca Ringst (deren Stuttgarter «Rosenkavalier»-Raum gerade zum «Bühnenbild des Jahres» gewählt wurde) in Dresden die neueste Oper von Hans Werner...
