Visuelle Archäologie
Die Anmutung erinnert an ein Renaissance-Gemälde: die klaren Linien und Proportionen, die Harmonie der Formen und Farben, die Überfülle der Details, der souverän überschauende Blickpunkt. Das fotografische «Porträt» des Auditoriums im Gran Teatre del Liceu wirkt wie eine Komposition, wie das Werk eines Künstlers, der seinen Gegenstand mit den Augen des Architekten betrachtet. Nicht die prachtvolle «Kostümierung» des 2292-Plätze-Saales, all der pupurrote Samt und glänzende Goldstuck, bildet das Kraftzentrum des Bildes, sondern das innere Licht, die stille Erhabenheit des Raumes.
Eines Raumes, in dem Energien zu fluten scheinen, die weniger in die (perspektivische) Tiefe als nach oben, in die Höhe drängen – zum (Opern-)Himmel, zu den Göttern, zur Sonne.
Wenn der türkische Fotograf Ahmet Ertug seine Großbildkamera aufstellt, geht es ihm darum, die «Seele eines Gebäudes», die Substanz eines Kunstwerks zu treffen und festzuhalten. Seine Serien, etwa über byzantinische Keramik oder orientalische Teppiche, über die Baukunst des osmanischen Palladio-Zeitgenossen Sinan, das antike Ephesos oder die Bibliotheken Europas, zielen auf eine visuelle Archäologie der Kulturgeschichte zwischen Orient ...
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Opernwelt Januar 2011
Rubrik: Magazin, Seite 62
von Albrecht Thiemann
Angesichts der landauf, landab grassierenden «Ring»-Neuinszenierungen hat es eine jede immer schwerer, sich als unverwechselbar zu annoncieren. Die jüngste Gemeinschaftsproduktion des Pfalzbaus Ludwigshafen und der Oper Halle (zugleich mit dem «Ring»-Gewinn hat diese den Verlust ihres Kindertheaters zu verbuchen) versucht’s mit dem originalen Richard-Wagner-Aus-...
Beschaut man die Szene, wird die Erinnerung an Schubert wach: Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus. Losgelöst von den Menschen, schwebt Lucia Ashton – soeben hat sie den ihr aufgezwungenen Gatten Arturo gemordet – im blutbefleckten Hochzeitskleid die Treppe hinab in den Saal (Bühne: Robert Pflanz), besteigt den festlich gedeckten Tisch, liegt dort,...
Nach «Guillaume Tell» (1829) hat Rossini bekanntlich keine Opern mehr geschrieben und sich ins Privatleben zurückgezogen. Er fühlte sich künstlerisch ausgebrannt und wurde von verschiedenen Krankheiten geplagt. In den fast vier Jahrzehnten, die ihm noch zu leben blieben, betrieb er das Komponieren nur noch als Liebhaberei, schrieb neben geistlicher Musik zahlreiche...
