Ungeleitet nach Hause

Graz: Gounod: Faust

Opernwelt - Logo

Den Coup de Théâtre hebt sich Regisseurin Mariame Clément für den Schluss auf: Marguerite meuchelt Mephisto, lässt auch Faust entseelt zurück, kommt vor zur Rampe und legt mit frivolem Lächeln Lippenrot auf. Dem zur Ironie neigenden Zuschauer kommt dabei unwillkürlich der Operettenschlager Walter und Willy Kollos in den Sinn: «Die Männer sind alle Verbrecher, ihr Herz ist ein finsteres Loch...» Doch ironisch hat Clément dieses Finale ihrer Grazer Inszenierung von Gounods «Faust» wohl nicht gemeint.

Vielmehr wirkt es als kämpferisch feministisches Statement, Gretchens Befreiungsschlag gegen eine machohafte Männerwelt. Das passte gut zum Weltfrauentag, den man eine Woche vor der Grazer Premiere feierte und der sich die von Goethe vorgebrachte Feststellung, Mädchen wie Gretchen können «ungeleitet nach Hause gehen», aufs Panier geschrieben hat.

Den Abend über begleitet uns das Porträt einer schmachtend blickenden Kindfrau in mancherlei Variation, an Lulus Bild gemahnend: die Frau als Objekt männlicher Fantasie; Gretchen als zartes Nymphchen quasi in derben Männerhänden. Marguerites Bühnenverkörperung Gal James ist indes keine Ninfa, sondern eine vollsaftige junge Frau von eher ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 42
von Gerhard Persché

Weitere Beiträge
Gebändigte Wut

Vivi, tiranno: Bertarido hat gerade das Leben des Usurpators Grimoaldo gerettet, dennoch erwartet er den Tod. Seinen Zorn entlädt er in heftigen Wutaffekten und Koloraturkaskaden. Darin lässt Bejun Mehta, zur Zeit quasi der «King» der Counters, sich nicht lumpen: Kristallklar und gestochen kommen sie, technisch makellos gebändigt trotz aller Intensität. Freilich,...

Melancholischer Abgesang

Anfang Dezember hat Donald Runnicles an der Deutschen Oper, deren glücklosem Orchester er als GMD wieder Halt und Ausstrahlung verschaffen soll, Berlioz’ monumentale «Trojaner» dirigiert. Was damals aus dem Graben drang, erinnerte eher an Wagners Mischklang als an die Kontrastwirkungen, die seinem französischen Zeitgenossen vorschwebten. Runnicles schien...

Entzauberte Macht

Ach, Aida, wie siehst du nur aus! So ruft unsere innere Stimme, als Gweneth-Ann Jeffers die Bühne betritt, mit einer Ledermappe in der Hand und müder Miene, in miserabel sitzender Kniehose und Oma-Gerda-aus-Pusemuckel-Bluse. Eine Sklavin ist sie nicht, die äthiopische Königstochter, aber eben auch keine Königstochter mehr. So wie Amonasro, ihr auch vokal...