Melancholischer Abgesang
Anfang Dezember hat Donald Runnicles an der Deutschen Oper, deren glücklosem Orchester er als GMD wieder Halt und Ausstrahlung verschaffen soll, Berlioz’ monumentale «Trojaner» dirigiert. Was damals aus dem Graben drang, erinnerte eher an Wagners Mischklang als an die Kontrastwirkungen, die seinem französischen Zeitgenossen vorschwebten. Runnicles schien Homogenität zu suchen, wo Trennschärfe gefragt, und dunkles Raunen zu entdecken, wo clarté angebracht gewesen wäre (siehe OW 1/2011).
Im Vorspiel zu «Tristan und Isolde» erweckte er nun den Eindruck, als wolle er die Vorzeichen umkehren, Wagner mit Berlioz gegen den Strich bürsten: Wie Puzzlesteine setzt Runnicles die aufsteigende Linie der Celli und das folgende Holzbläser-Motiv zusammen, wie ein Signal ragt die Tritonus-Spannung des Tristan-Akkords aus der harmonischen Umgebung auf. Kein Schwärmen und Schwelgen, kein «wogender Schwall» und «tönender Schall» – der Metaphysik todessehnsüchtiger Liebe misstraut der schottische Dirigent, er leuchtet den Bau dieses Vorspiels lieber aus, als sich in ihm zu verlieren.
Doch bald geraten die Dinge in Fluss, beginnt ein lebendiger, wacher Dialog der Instrumente und der Stimmen, entsteht ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Albrecht Thiemann
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