Melancholischer Abgesang
Anfang Dezember hat Donald Runnicles an der Deutschen Oper, deren glücklosem Orchester er als GMD wieder Halt und Ausstrahlung verschaffen soll, Berlioz’ monumentale «Trojaner» dirigiert. Was damals aus dem Graben drang, erinnerte eher an Wagners Mischklang als an die Kontrastwirkungen, die seinem französischen Zeitgenossen vorschwebten. Runnicles schien Homogenität zu suchen, wo Trennschärfe gefragt, und dunkles Raunen zu entdecken, wo clarté angebracht gewesen wäre (siehe OW 1/2011).
Im Vorspiel zu «Tristan und Isolde» erweckte er nun den Eindruck, als wolle er die Vorzeichen umkehren, Wagner mit Berlioz gegen den Strich bürsten: Wie Puzzlesteine setzt Runnicles die aufsteigende Linie der Celli und das folgende Holzbläser-Motiv zusammen, wie ein Signal ragt die Tritonus-Spannung des Tristan-Akkords aus der harmonischen Umgebung auf. Kein Schwärmen und Schwelgen, kein «wogender Schwall» und «tönender Schall» – der Metaphysik todessehnsüchtiger Liebe misstraut der schottische Dirigent, er leuchtet den Bau dieses Vorspiels lieber aus, als sich in ihm zu verlieren.
Doch bald geraten die Dinge in Fluss, beginnt ein lebendiger, wacher Dialog der Instrumente und der Stimmen, entsteht ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 39
von Albrecht Thiemann
Karol Szymanowskis Oper «Król Roger» (1926) ist ein extrem vielschichtiges Werk: Die drei Akte spiegeln die Symbiose byzantinischer, arabischer und griechisch-antiker Elemente im Sizilien König Rogers II. (1. Hälfte 12. Jh.). Die Handlung (sofern man bei dem oratorienhaft statischen Stück von Handlung sprechen kann) folgt den «Bakchen» des Euripides, der Antagonist...
Der Name ist Programm: Als Matthias Osterwold 2002 in Berlin die erste «MaerzMusik» auflegte, nannte er das Projekt «Festival für aktuelle Musik». Der schwammige Untertitel beschreibt präzise, worin sich Osterwolds Nachdenken über Stand und Perspektiven zeitgenössischer Klangkunst von jener «Musikbiennale» unterscheidet, die zuvor unter dem Dach der Berliner...
Die Vermessung des Opernkontinents Jean-Baptiste Lully ist abgeschlossen: 24 Jahre nach William Christies bahnbrechender Einspielung des «Atys» liegen mit Christophe Roussets Aufnahme des «Bellérophon» nun endlich alle 13 Tragédies lyriques auf CD oder DVD vor, die der Surintendant de la musique ab 1673 für den Hof des Sonnenkönigs schuf. Dass «Bellérophon» am...
