Entzauberte Macht
Ach, Aida, wie siehst du nur aus! So ruft unsere innere Stimme, als Gweneth-Ann Jeffers die Bühne betritt, mit einer Ledermappe in der Hand und müder Miene, in miserabel sitzender Kniehose und Oma-Gerda-aus-Pusemuckel-Bluse. Eine Sklavin ist sie nicht, die äthiopische Königstochter, aber eben auch keine Königstochter mehr. So wie Amonasro, ihr auch vokal grobschlächtiger Vater (Peteris Eglitis), kein König und der König von Ägypten auch nur ein Abziehbild von einem Minister von heute ist.
Nein, diese Aida ist eine gewöhnliche (als Sängerin zwar expressive, doch mit der Intonation kämpfende) Fremde, die es in ein Land verschlagen hat, das von zwei Seelenzuständen beherrscht wird: der Bürgerseele und der Soldatenseele. Dieses Land könnte überall sein, es ist Metapher für den Zustand einer moralisch verlotterten Gesellschaft, die zu wissen meint, was richtig für andere ist. Man gibt sich also Mühe, die Gefangenen, die der stimmlich solide Feldherr Radames (Alexej Kosarev) nach blutigem Gefecht anschleppt und die ein bisschen aussehen wie eine Gruppe verirrter Esoteriker, zu guten, will sagen: angepassten Menschen zu machen. Man zeigt ihnen, wann man über eine Straße geht (wenn die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Jürgen Otten
Während ARD und ZDF längst keine ganzen Opern mehr ausstrahlen, blüht die Gattung auf arte. Neben den ohnehin regelmäßigen Übertragungen haben sich die Programmplaner für den Monat Mai etwas Besonderes ausgedacht. Weil am 7. und 8. Mai 2011 die «Europäischen Operntage» stattfinden, an denen sich über 100 Häuser des ganzen Kontinents beteiligen, sendet arte am 7....
Den Coup de Théâtre hebt sich Regisseurin Mariame Clément für den Schluss auf: Marguerite meuchelt Mephisto, lässt auch Faust entseelt zurück, kommt vor zur Rampe und legt mit frivolem Lächeln Lippenrot auf. Dem zur Ironie neigenden Zuschauer kommt dabei unwillkürlich der Operettenschlager Walter und Willy Kollos in den Sinn: «Die Männer sind alle Verbrecher, ihr...
Ein Anfang vor dem Anfang. Noch ehe der Dirigent den Taktstock hebt, hat Richard Wagners «Parsifal» in Basel bereits begonnen. Ein farbiger älterer Herr bahnt sich den Weg vors Parkett, blickt ernst ins Publikum, nimmt an dem Tischchen links vorn vorm Graben Platz, stützt den Kopf in die Hand, sinnt. Auf dem Tisch eine Lampe, eine Partitur und ein Foto von...
