Unerfülltes Versprechen
Wenn der Hirsch röhrt, ist das in einer heutigen Aufführung einer romantischen Oper nur als ironisches Zitat zu verstehen. Bei Yona Kims Inszenierung von Robert Schumanns «Genoveva» am Nationaltheater Mannheim darf man sich da nicht so sicher sein. Denn das Gemälde, das an einer hellgrauen Wand aufgehängt wird, ist ästhetisch einwandfrei gearbeitet; die Hirschkuh liegt in waldigem Gebirge auf einer Anhöhe zu Füßen des beweihten Herrschers.
Die Reproduktion eines Gemäldes von Friedrich Gauermann birgt geheimnisvolle Dramatik, die zurückstrahlt auf die Betrachtenden, die zum Allegro-Teil der Ouvertüre die Bühne betreten haben: einer Gruppe von Frauen in pastellfarbenen Kostümen, zu der später eine somnambul wirkende, fragile Gestalt kornblumenblau leuchtend hinzutritt: Genoveva. Charakteristisch zacken dazu die Violinfiguren, die durch agogische Ausschläge immer wieder die Farbe der Hysterie annehmen.
Ein variabler weißer Proszeniumsrahmen, der wie eine Blende sich verengen lässt, fasst die Bilder. Schnell kann man so auf einen Bühnenausschnitt zoomen, wie auf den von Beginn an dort stehenden, leicht nach rechts versetzten Flügel, darauf ein dreiarmiger Bronzeleuchter, daneben ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2017
Rubrik: Panorama, Seite 50
von Götz Thieme
Rolando Villazón ist ein Garant für Gesprächsstoff. Den hat er weit vor seinem Regie-Beginn den Düsseldorfern auch geliefert. Mit einem stadtweiten Aufruf, Kleider (gerne auch Lackstiefel für beide Geschlechter) und Accessoires aus den 1970ern abzugeben!
Alles beginnt in einem verstaubten Atelier, eher 19. als 20. Jahrhundert. Alte Schinken auf Staffeleien: Mona...
Er war ein Freund von Marcel Proust, Dandy, hochgeschätzter Sänger in den Pariser Salons, Dirigent, Musikkritiker; seine leider nie ins Deutsche übersetzte Studie «Du Chant» ist eines der glänzendsten Bücher, die je über Gesang geschrieben wurden. Als Komponist ist Reynaldo Hahn vor allem mit seinen melancholisch-eleganten, die leichte mit der ernsten Muse...
Das Schlimmste, so pflegte René Kollo zu stöhnen, sei doch der erste «Tannhäuser»-Akt. Und am allerschlimmsten muss es sein, wenn drei Stunden später der finale Monolog des Titelhelden wartet, für den Wagner freilich eine (und gern genutzte) Interpretationsmöglichkeit offenhält: Man kann die «Rom-Erzählung» auch wunderbar deklamieren. Dramatik, Expressives,...
