Über Grenzen hinweg
Barrie Kosky führt ein Doppelleben. Tagsüber ist er Chef der Komischen Oper Berlin, abends zieht es ihn, wann immer seine Zeit es erlaubt, ans Klavier. Als «Barpianist» spielt und singt er sich dann durch jiddische Operettenmelodien der 1920er-Jahre. Das Faible, weithin Vergessenes für die Öffentlichkeit wiederzuentdecken, zählt zum Markenzeichen seiner Berliner Intendanz und war erst jüngst bei den rekonstruierten «Frühlingsstürmen» von Jaromir Weinberger wieder einmal zu erleben (OW 3/2020).
Für den Wahlberliner ist das Genre jiddischer Operetten ein Missing Link – und verbindet die Unterhaltungsmusik osteuropäischer Juden mit den Broadway-Produktionen der Neuen Welt. «Schon im Zarenreich», erzählt Kosky beim Kurt Weill Fest in Dessau, «zwangen Pogrome die jüdische Bevölkerung zur Flucht. Die meisten verschlug es nach Amerika, viele blieben in New York. Die Musik, die sie mitbrachten, prägte die gesamte Musikszene. Auf der Second Avenue gab es so viele Theater, Music Halls und Vaudeville Clubs, dass bald vom ‹jiddischen Broadway› die Rede war.»
osky erklärt in seiner launigen Moderation ganz beiläufig den «group sex» der Sprachen, aus dem das Jiddische hervorging; sich selbst ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Magazin, Seite 78
von Werner Kopfmüller
Viereinhalb Jahrhunderte – wer vermag eine solche Zeitspanne zu fassen, mit lebendiger Geschichte zu füllen? Die Staatskapelle Berlin feiert 2020 den 450. Jahrestag ihrer ersten Erwähnung. Als Kurbrandenburgische Hofkantorei bzw. Hofkapelle wurde sie im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen, mit einer größeren Anzahl von Sängern und einer weit geringeren an...
Nach dem spektakulären Erfolg seiner Indianer-Oper «Il Guarany» an der Scala wurde der brasilianische Komponist Antônio Carlos Gomes, der 1864 zum Studium nach Mailand gekommen war und dort bald in Kontakt mit der Gruppe der Scapigliati um Arrigo Boito trat, als ein potenzieller Nachfolger Giuseppe Verdis gehandelt, der sich nach der «Aida» zurückziehen wollte....
Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...
