Freude, schöner Götterfunken?

Tobias Kratzer traut in seinem Londoner «Fidelio» dem Publikum im Royal Opera House viel zu, Lise Davidsen singt Jonas Kaufmann vom Platz; in Berlin befassen sich Insassen einer JVA mit dem Stoff

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In der Justizvollzugsanstalt Tegel ist an einem der Blöcke ein Spiegel angebracht, darauf steht: «WASBRAUCHTESEINEM/ZUHELFEN?» Zu «Fidelio» passt die Frage wie die Faust aufs Auge. Das Gefängnistheater «aufBruch» hat in Kooperation mit den Berliner Philharmonikern ein Stück um Beethovens Oper entwickelt. Gespielt wird in einem stillgelegten Zel­lentrakt; es ist ein fabelhafter Theaterabend. Die Akteure dürfen hinterher nicht nach Hause.

Das Bühnenportal der Londoner Royal Opera ist mit einem Prospekt verhängt, darauf steht: «LIBERTÉ. ÉGALITÉ. FRATERNITÉ».

Wer mit der Lektüre durch ist, kann sich selbst zuwinken, das Publikum wird nämlich abgefilmt. Mancher steht, ganz kindlich, extra noch mal auf, da schau, das bin ich! Dabei ahnen die Premierengäste sicher, dass die Regie diese narzisstischen Reflexe noch gegen sie verwenden wird. Ein Spiegel im Theater dient als Denkanstoß, nicht als Kompliment. Genau wie im Knast.

Tobias Kratzer aber gewährt in seinem «Fidelio» eine Gnadenfrist. Zur von Antonio Pappano fein ausbalancierten Ouvertüre gibt’s statt epischem Theater historisierende Kulissen. Verrußte Festungsmauern, ein dunkler Hof. Links kämpft ein Lindenbaum ums Überleben, ...

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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Wiebke Roloff

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