Subtile Balance
Ein «Traum» steht am Anfang. Eine Sopranstimme sucht Halt. Silben, Satzfetzen: «ha / be / dir / dir / ge- / sagt / du». Bruchstücke einer (erinnerten) Geschichte? Das Du will fort. Von ihr? Einer Frau namens Katja, die hier vielleicht einen Schlussstrich zieht? Erst dieses «fort» bleibt stehen, eine gefühlte Ewigkeit lang von Sarah Maria Sun gehalten, cantabile, bis das Ensemble Modern den schwebenden Vokal mit anschwellenden Klangwogen überspült. Wasser nennt Arnulf Herrmann sein einstündiges Stück auf einen Text von Nico Bleutge.
Der Titel ist nicht nur Metapher, sondern auch Formprogramm. Alles ist hier im Fluss – Melodien und Metren, Harmonien und Stilebenen, Bewusstes und Unbewusstes, Sinn und Bedeutung. Erzählt da ein Mann, Robert, von Ungeheuern, die sein Kopf gebiert? Ein Traumatisierter, ein Nachtwandler, von Ängsten und Fantasien getrieben wie Wellen vom Wind? Bläsertrunken, legato, in einer Art stile recitativo hangelt sich der Bariton alias Robert (Boris Grappe), ein Reisender, aus dem Schlaf. Und hört Menschen im Hotel. Ein Kind singt ein «einfaches Lied», die Streicher zupfen etwas dazu, die Klarinette wärmt ihm das Gemüt, der Klavierspieler greift in die Saiten. Ein ...
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Opernwelt März 2013
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Albrecht Thiemann
Nathaniel Hawthorne ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur (The Scarlet Letter), doch er wird bei uns nur wenig gelesen. Es mag deshalb erstaunen, wenn ein deutscher Komponist für seine erste Oper eine frühe, kaum bekannte Erzählung dieses Autors als Sujet wählt. In The Wives of the Dead, um 1830 geschrieben, geht es um zwei Witwen, die erst vor Kurzem ihre...
Wer sich als Komponist an den Lyriker Nietzsche wagt, begibt sich auf heikles Terrain. Meist machen die Verse selbst schon so viel Musik, dass kein Raum für Vertonungen zu bleiben scheint. Pascal Dusapin (Jahrgang 1955) hat es auf Bitten des Baritons Georg Nigl dennoch versucht – und gleich einen ganzen Nietzsche-Zyklus für Stimme und Klavier geschrieben, der 19...
«Wenn man das Ohr an den Bauzaun vom Berliner Flughafen hält, kann man leise
die Elbphilharmonie lachen hören.» – Der Spruch zwitschert munter durchs Internet und ist schon fast ein Bonmot. Weil man die Baustellen so schön austauschen kann: gegen Stuttgart 21. Gegen die Berliner Museumsinsel. Oder die Berliner Staatsoper, die wohl noch ein Weilchen im Schiller...
