So groß der Schmerz
In der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel schnell erzählt. Ein paar Verse. Nicht mehr. Viele Fragen bleiben. Warum wird das eine Opfer angenommen? Warum das andere verschmäht? Warum verliert das Buch der Bücher kein einziges Wort über das Elternpaar Adam und Eva? Wie kommt es zu dem Brudermord? Und was hat es eigentlich mit dem Kainsmal auf sich? Wie sieht es aus?
Auch der Operneinakter von Christoph Ehrenfellner, als Teil eines Doppelabend am Theater Nordhausen uraufgeführt, findet nicht auf alle Fragen eine Antwort.
Dabei haben die beiden Librettisten, Intendant Daniel Klajner und seine langjährige Chefdramaturgin Anja Eisner, das alttestamentarische Geschehen auf den Boden geholt und die Geschichte insofern von vornherein vermenschlicht, als dass sich hier der Vater der beiden Brüder eine göttliche Allmacht anmaßt. Er ist es, der über die Opfergaben seiner Söhne urteilt und durch seine Entscheidung einen Familienkonflikt auslöst, der in seiner Konsequenz etwas von einer antiken Tragödie hat.
«Wehe» heißt es denn gleich zu Anfang, und Anna Danik verleiht ihrer Klage eine Wucht, als wollte sie das Theater in seinen Grundfesten erschüttern, so groß ist der Schmerz der ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Hartmut Regitz
Nichts fürchtet der Mensch mehr als das Ende. Den Tod. Dabei gäbe es einigen Grund zum Trost. Denn bei Lichte betrachtet, hat der Tod mit unserem Leben nur sehr wenig zu tun. Solange man existiert, kann der Tod nicht im gleichen Raum sein, und vice versa ist dort, wo der Tod wohnt, kein Platz mehr für Lebende. Oder wie es Ludwig Wittgenstein so schön lakonisch und...
Vergessen Sie für einen Moment Mozart und seinen «Idomeneo», der die deprimierende Katharsis des originalen Librettos ins Gegenteil verkehrt. Der Plot ist zwar identisch: Kretas König Idomeneo verspricht Neptun für die Errettung aus einem Seesturm, den ersten Menschen zu töten, der ihm an Land begegnet, und stößt dann fatalerweise auf den eigenen Sohn. Bei Mozart...
Mehr als 33 Jahre sind vergangen, seit Dietrich W. Hilsdorf mit Verdis «Don Carlo» seine erste, kontrovers diskutierte Inszenierung an der gerade eröffneten Essener Aalto-Oper präsentierte. Die scharf zugespitzte Deutung wurde bald schon Kult und hielt sich außergewöhnlich lange im Spielplan. Immer wieder hat Hilsdorf seither in Essen inszeniert und wird schon...
