Am Abgrund

Stephan Kimmig zeigt Wagners «Rheingold» an der Staatsoper Stuttgart als Endzeit-Zirkus

Opernwelt - Logo

Auch fünfzig Jahre nach Patrice Chéreaus grunderschütterndem Bayreuther «Ring» vermag Wagners Tetralogie noch zu verstören, zumal, wenn sie so illusionslos nüchtern in einer Ästhetik des Hässlichen daherkommt, wie jetzt in Stephan Kimmigs «Rheingold»-Neuinszenierung. Kimmig entzaubert die Szene, rückt den Figuren gleichsam mit dem psychischen Nacktscanner zu Leibe und misstraut so sichtbar wie radikal dem Sog der rauschhaft aus dem Orchestergraben erklingenden Musik, was das Publikum beim Schlussbeifall mit einem heftigen Buh-Konzert für das Regieteam quittierte.

Dabei hebt Kimmig sich von vielen seiner Kollegen dadurch ab, dass er Wagners Weltentwurf kein intellektuelles Konzept überstülpt, sondern ganz dem Theaterspiel, dem komödiantischen Treiben der Sängerinnen und Sänger vertraut, die sich durchweg als fantasievolle Darstellerinnen und Darsteller erweisen. Brennend aktuell ist die zerrüttete Welt, die er zeigt und in der jeder Schritt zugleich einen Schritt weiter in den Abgrund führt. Zu Recht glaubt der Regisseur nicht an die heile Natur von Wagners musikalischer Es-Dur-Kosmogonie. Bei ihm läuft schon von Anfang an alles schief. Seine Rheintöchter sind durchtriebene ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
So groß der Schmerz

In der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel schnell erzählt. Ein paar Verse. Nicht mehr. Viele Fragen bleiben. Warum wird das eine Opfer angenommen? Warum das andere verschmäht? Warum verliert das Buch der Bücher kein einziges Wort über das Elternpaar Adam und Eva? Wie kommt es zu dem Brudermord? Und was hat es eigentlich mit dem Kainsmal auf sich? Wie sieht...

Via WLAN-Router nach Ruanda

Über Ruanda weiß man – wie über viele afrikanische Länder – zu wenig. Das, was man über Ruanda weiß, beschränkt sich in der Regel auf die Thematik des Genozids an den Tutsi, auf die Kolonialzeit. Die Installation «Rwandan Records» möchte – so verrät der Ankündigungstext – ein junges Ruanda zeigen, möchte den dort lebenden Menschen eine Stimme geben.

Hörbar gemacht...

Der Tod wartet auf der anderen Seite der Tür

Nichts fürchtet der Mensch mehr als das Ende. Den Tod. Dabei gäbe es einigen Grund zum Trost. Denn bei Lichte betrachtet, hat der Tod mit unserem Leben nur sehr wenig zu tun. Solange man existiert, kann der Tod nicht im gleichen Raum sein, und vice versa ist dort, wo der Tod wohnt, kein Platz mehr für Lebende. Oder wie es Ludwig Wittgenstein so schön lakonisch und...