Am Abgrund
Auch fünfzig Jahre nach Patrice Chéreaus grunderschütterndem Bayreuther «Ring» vermag Wagners Tetralogie noch zu verstören, zumal, wenn sie so illusionslos nüchtern in einer Ästhetik des Hässlichen daherkommt, wie jetzt in Stephan Kimmigs «Rheingold»-Neuinszenierung. Kimmig entzaubert die Szene, rückt den Figuren gleichsam mit dem psychischen Nacktscanner zu Leibe und misstraut so sichtbar wie radikal dem Sog der rauschhaft aus dem Orchestergraben erklingenden Musik, was das Publikum beim Schlussbeifall mit einem heftigen Buh-Konzert für das Regieteam quittierte.
Dabei hebt Kimmig sich von vielen seiner Kollegen dadurch ab, dass er Wagners Weltentwurf kein intellektuelles Konzept überstülpt, sondern ganz dem Theaterspiel, dem komödiantischen Treiben der Sängerinnen und Sänger vertraut, die sich durchweg als fantasievolle Darstellerinnen und Darsteller erweisen. Brennend aktuell ist die zerrüttete Welt, die er zeigt und in der jeder Schritt zugleich einen Schritt weiter in den Abgrund führt. Zu Recht glaubt der Regisseur nicht an die heile Natur von Wagners musikalischer Es-Dur-Kosmogonie. Bei ihm läuft schon von Anfang an alles schief. Seine Rheintöchter sind durchtriebene ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Uwe Schweikert
Über Ruanda weiß man – wie über viele afrikanische Länder – zu wenig. Das, was man über Ruanda weiß, beschränkt sich in der Regel auf die Thematik des Genozids an den Tutsi, auf die Kolonialzeit. Die Installation «Rwandan Records» möchte – so verrät der Ankündigungstext – ein junges Ruanda zeigen, möchte den dort lebenden Menschen eine Stimme geben.
Hörbar gemacht...
Im Zeichen von Diversität und Queerness erobern Altisten gleichsam als moderne Vertreter der barocken Kastraten das heutige Theater. Der Hype um sie ist enorm. Demgegenüber hat ein anderes, gleichfalls wiedergewonnenes Fach das Nachsehen: der Haute-Contre. Dieser hohe Tenor, der die französische Opernbühne von Lully bis Gluck beherrschte und mit seiner Bruststimme...
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....
