Der Tod wartet auf der anderen Seite der Tür
Nichts fürchtet der Mensch mehr als das Ende. Den Tod. Dabei gäbe es einigen Grund zum Trost. Denn bei Lichte betrachtet, hat der Tod mit unserem Leben nur sehr wenig zu tun. Solange man existiert, kann der Tod nicht im gleichen Raum sein, und vice versa ist dort, wo der Tod wohnt, kein Platz mehr für Lebende. Oder wie es Ludwig Wittgenstein so schön lakonisch und zugleich wissenschaftlich fundiert formuliert hat: «Der Tod ist kein Ereignis des Lebens.»
Was Wittgenstein vergaß zu sagen: Aber er wartet auf der anderen Seite der Tür.
Franz Schubert hat diese Tür nicht nur einmal weit aufgestoßen. Er kannte den finsteren Gesellen, der da drüben hämisch grinsend seiner harrte. Und er schrieb Lied um Lied gegen ihn, dabei ängstlich bibbernd, es könnte ihn demnächst erwischen. Auch in seinem «Schwanengesang» D 957 geht der Tod (und nicht nur der Tod der Liebe) umher, vor allem in jenem Lied, das uns noch heute Schauder über den Rücken treibt, wenn es gut gesungen wird: «Der Doppelgänger» auf Heinrich Heine. Ein Selbstbildnis in h-moll, der Tonart des Todes auch bei anderen Komponisten (Verdi, Puccini etc.), das darüber hinaus Bild einer von Liebe verlassenen Welt ist.
Jeder Akkord ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Jürgen Otten
Bei seiner Premiere am 8. Dezember 1718 an der Pariser Académie royale de musique fiel das Werk durch. André Cardinal Destouches’ «Sémiramis» wurde nach nur einem Monat abgesetzt – und erst dreihundert Jahre später beim Festival d’Ambronay erneut aufgeführt. Die Oper über die sagenhafte babylonische Königin scheint das Pariser Publikum, dessen Geschmack damals mehr...
Kann Musiktheater gesellschaftspolitische Themen abbilden? Auf diese uralte Frage will Sophie de Lint neue Antworten finden. Seit dem Herbst 2018 leitet die ehemalige Zürcher Operndirektorin die Nationale Opera in Amsterdam und steuert den Musiktheater-Tanker sachlich-souverän durch die Pandemie. An den Ufern der Limmat handelte man sie schon als Nachfolgerin für...
So etwas hat natürlich immer das Potenzial für einen lokalen Aufreger: Im Vorfeld der Landestheater-Premiere von Verdis «Macbeth» in der Felsenreitschule wurde publik, dass der Bühnenboden unter Zuhilfenahme von schwerem Gerät mit 20 Tonnen heimischer Moorerde bedeckt würde. Vergleichsweise kurz flammte ökologischer Protest auf, den man mit der Botschaft abfederte,...
